Ein Gestaendnis

Gestern schaute uns Soehnle sehr ernsthaft an, so als ob ihm was auf der Seele lag.

Soehnle: „Letzte Woche haben wir einen Mathetest geschrieben. “

Wir: „Ja?!“

Soehnle: „Und da habe ich geschummelt.“

Wir: „Wieso denn das? Was hast du denn gemacht? “

Soehnle: „Ich habe beim Loesen der Aufgaben (meinen) Soroban benutzt. “

Wir*voellig verwirrt*: „Du hattest einen Soroban mit in der Schule? Und du hast du ihn im Test benutzt? Und das ist dem Lehrer nicht aufgefallen?“

Soehnle: „Naja, ich habe das auf der Bank gemacht.“

Die Antwort verwirrte uns fuer einen Augenblick noch mehr, bis uns klar wurde, dass er sich beim Rechnen einen Soroban vorgestellt, im Kopf die Steinchen bewegt und so die Aufgaben ausgerechnet hatte.

Wir lachten beide los. „Nee, Soehnle, das ist kein Schummeln, das ist eine voellig legale, und dazu noch richtig coole Technik, um den Kram auszurechnen.“

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Beginn eines neuen Schuljahres und vieler neuer Sachen

Auch wenn das japanische Kalenderjahr wie in Europa am 1. Januar beginnt, so beginnt das wirkliche Leben in Japan am 1. April. (Und nein, das ist kein verspaeteter Aprilscherz.)

Fangen wir mit dem Kurzen an: Soehnle, mein Kleiner, ist mittlerweile auch schon ein Viertklaessler. D.h. ein Viertel seiner wahrscheinlichen, und ein Drittel seiner Pflichtschulzeit ist vorbei. So schnell geht das. Und da Grundschueler fuer die zweite Haelfte der 6-jaehrigen Grundschule bei uns einen oder mehrere Klubs aussuchen duerfen, hat Soehnle das natuerlich auch gemacht. Eigentlich war es schon seit der 1. Klasse aus irgendeinem Grund sein Wunsch, dem Badmintonklub beizutreten. Auch wenn ich nicht allzu gluecklich darueber war, dass er unbedingt einem Sportklub*) beitreten will, war es mein Zugestaendnis, damit er zum Soroban – japanischen Abakus – unterricht geht und etwas fuer sein Zahlengefuehl macht. Und in den letzten 8 Monaten haben sich seine Rechenkuenste auch schon gewaltig verbessert. Zu meinem grossen Erstaunen beschloss er aber nicht nur, weiterhin zum Sorobanunterricht zu gehen, sondern suchte sich den Musikklub aus. Jetzt bin ich mal gespannt, wie er sich da wohlfuehlt. Unsere Grosse hatte ja ihn nur fuer 4 Monate gemacht, bevor sie genug davon hatte.

*)Sportklubs in Japan, besonders die in Mittel- und Oberschule, sprengen jeglichen Rahmen von dem, was im Maßen waere. Trainingszeiten sind nicht nur sehr oft 7 Tage die Woche bis spaet abends, gerne auch bis 20 Uhr oder laenger, sondern es finden auch sehr oft noch Trainingseinheiten am Morgen vor dem Unterricht statt. Dazu kommen dann noch Wettkaempfe mehrere Male im Monat. Und wenn durch dieses extensive Training die Schule an sich oder selbst Schlaf zu kurz kommt, interessiert das keinen. Dann gibt es eben AKAJI – nicht bestanden – und/oder voellig ausgelaugte Schueler schlafen im regulaeren Unterricht.  

Unsere ATS ist immer noch da und scheint ihren Spass zu haben. Mal sehen, ob sich in den letzten 2 Monaten noch irgendwas an ihrem Japanisch macht.

Bei Maennle ist alles im gruenen Bereich: Nachtschichten sind weitesgehend gesunken, auch wenn die, die trotzdem noch kommen, die bloede Angewohnheit haben, auf die unpassendsten Tage zu fallen. Aber was soll man machen? Aber auf alle Faelle bedeutet es doch mehr Freiheit fuer mich, dass er jetzt fast jeden Abend zuhause ist.

Meine Schule erklaerte die offizielle Verabschiedungszeremonie am 23. Maerz fuer den letzten Tag. Meine neue Firma wollte aber, dass ich erst am 29. Maerz komme, so dass ich 5 Tage am Stueck frei hatte. Diese wollte ich aber nicht unbedingt zuhause sitzen und mit Waeschefalten verbringen, so dass ich mich ganz spontan entschied, doch mal die Flugangebote nach Kambodscha durchzuschauen, um unser Gastkind No. 0 und ihre Familie zu besuchen. Immerhin ist die Hochzeit dieses Jahr schon 4 Jahre her. Und Baby E. ist jetzt auch schon ein witziger kleiner Dreijaehriger. Eigentlich hatte ich vor, Soehnle dort mithin zu nehmen als Ausgleich zu Toechterles Austausch. Aber da er verweigerte, fragte ich Toechterle, und sie war Feuer und Flamme. So flogen wir am 24. ueber Bangkok nach Phnom Penh und verbrachten dort 3 erlebnisreiche Tage. Wir waren viel leckeres Essen essen, waren mit Gastkind und ihrer Familie baden, sind mit Schwiegervater und Schwiegermutter Moped gefahren, haben das erste Mal Durian gegessen (die Toechterle aber strikt verweigerte), waren mit Schwiegermama einkaufen und haben Souvenirs und einen Reisekoffer fuer Toechterle gekauft, verbrachten einen Nachmittag bei Verwandten und sahen beim Eismachen zu, buchten Gesichtspflege fuer mich und waren zum Schluss sogar noch beim Frisoer, was sich auch als ziemliches Abenteuer herausstellte. Und als Hoehepunkt stellte sich dann auch noch heraus, dass eine wichtige Strasse zum Flughafen mehr oder weniger, o.k. also weniger, gesperrt ist, weil man dort eine Zuglinie zum Bahnhof baut und es natuerlich nicht fuer notwendig haelt, das auszuschildern oder gar eine Umleitung auszuschildern. Umleitungen sind ja so wieso nur fuer Warmduscher! Und so blieb Autos, die dort dann mitten auf der Strasse stecken blieben, nichts weiter uebrig, als neben der Strasse auf einem Feld oder so etwas sein Glueck zu versuchen und zu beten, dass die Reifen groesser sind als die Loecher und Huegel auf der „Strasse“. Mir wurde dann jedenfalls klar, warum der Dienstwagen von Gastkinds Mann eine riesiger Amischlitten war, von dem man regelrecht runterspringen musste. Ja, ja, Kambodscha ist immer wieder fuer Ueberraschungen offen. Ich hoffe, ich kann mal wieder hinfahren und Gastkind No. 0 und ihre total liebe (Schwieger)familie wieder einmal besuchen.

Die Schule endete, und irgendwie war ich auch weniger traurig, als ich befuerchtet hatte. Vielleicht ja, weil ich diese Phase ueber Neujahr hatte und dann mich auf die positiven Aspekte danach zu freuen anfing. Angefangen mit nicht mehr um 5 Uhr morgens aufstehen zu muessen. Meine neue Firma hat nur 7.30 Stunden als Vollzeit, so dass es fuer uns erst ab 9.30 Uhr richtig losgeht. Der morgentliche Stau ist um diese Zeit auch schon Geschichte, so dass ich vom Bahnhof bis zur Firma nur gerade mal 25 min brauche. Und selbst wenn ich die 2km zum Bahnhof laufe, ist das gegen 8 Uhr ein angenehmer Morgenspaziergang und nicht wie um 6 Uhr eine unangenehme Buerde. Ich kann mich frueh um Soehnle kuemmern, jetzt wo er alleine ist. Und das Beste ist, dass die Arbeit Spass macht und selbst mein hohe Ansprueche stellender Chef sehr nett ist und ich mit dem Arbeitswechsel zufrieden bin.

Uebrigens habe ich Glueck, dass ich noch in einem Stueck bin. Am letzten Montag regnete es, und auf dem Weg zur Schule kam mir ploetzlich ein Auto auf meiner Spur entgegen und prallte mit mir zusammen. Mein Fahrrad knallte gegen das Auto, worauf es zur Seite umkippte. Die Autofahrerin rief die Polizei, die dann 90 min im Regen die Details zum Unfall aufnahmen. Und da dann langsam doch besonders meine linke Hand anfing, immer mehr zu schmerzen und die Schuerfwunden nicht aufhoeren wollten zu bluten, wurde ich doch noch mit dem Krankenwagen in die Notaufnahme gebracht. Dort wurden meine Kniee und Haende durchgeroengt. Und da ein kleiner Schatten auf meiner linken Hand war, erhielt diese noch einen CT scan. Waehrend des Wartens unterhielt ich mich dort mit einer jungen Aerztin, die viele von meinen ehemaligen jungen Doktoren auch kannte. Und wir tauschten Meinungen ueber einen gewissen Professor aus. *hust* Langsam ging es mir seelisch wieder besser. Dann kam auch noch der gutaussehende Knochendoktor, mit dem ich mir den CT scan meiner Hand anschaute. Und ich wurde fuer meine (Originalton) wunderschoenen Handknochen gelobt. *haha* Was will man mehr an so einem besch…ssenen Montagmorgen?

Die Autofahrerin stellte sich uebrigens als die Mutter heraus, die oft mit ihrer kleinen Tochter Badminton spielte, waehrend ich zum Bahnhof radelte. Ich hatte bedauert, dass ich sie jetzt nicht mehr treffen wuerde, aber durch diesen Unfall hatten wir die Chance, uns richtig anzufreunden. Mein Fahrrad wurde durch den Unfall unbrauchbar, so dass ich mir Sorgen machte, wie ich die letzten 3.5 Arbeitstage zur Schule und nach Hause komme. Und wie ich das am letzten Tag mit dem Gepaeck machen sollte. Aber da sie mich als Wiedergutmachung vom Bahnhof abholten und wieder zurueckbrachten, hatte sich das Problem besonders mit dem Gepaeck auf unerwartete Weise erledigt. Ich habe auch ein kleines Souvenir in Kambodscha fuer sie gekauft und werde sie moeglichst schnell mal wieder besuchen.

Und die letzten Absaetze sind meiner Lieblingstochter gewidmet. Fuer sie ging ihr grosses Abenteuer am 5. April los. Am 1. April wurde in ihrer geliebten Kirche nicht nur Ostern gefeiert, sondern auch ihre Abschiedsfeier durchgefuehrt. Und das ganze Wochenende war mit dem letzten Kistenpacken voll ausgefuellt. 5 Kisten, 3 grosse und kleine Koffer und ein Einrad wurden dann am Donnerstag morgen ins Auto gepackt, und es ging los in Richtung Hafen. Dort waren auch viele der anderen Kinder, die vom Heimaturlaub wieder auf ihre Insel fuhren. Wir trafen auch ihre Zimmergenossin aus Hokkaido und lernten auch ihre Mutti kennen, mit der ich mich anfreundete. Bei schoenstem Wetter fuhren wir die 3 h uebers Meer, bis wir dann mit Musik und einer kleineren Zeremonie auf der Insel willkommen geheissen wurden. Mit Toechterle zusammen kam noch ein Junge neu auf die Insel, der einen amerikanischen Vater hat. Somit hat sich Toechterles Sorge, dass sie die einzige Schuelerin mit internationalem Hintergrund auf der Insel sein und sie deswegen gemoppt werden koennte, erledigt.

Toechterle Sachen wurden zum Shiokazehaus, dem Wohnheim der 6 Austauschschueler, gefahren. Ich dachte, ich muesste helfen, aber dann wurde ich mehr oder weniger aus dem Zimmer geworfen. Man koenne es alleine! Gut, dann geniesse ich die Ruhe und unterhalte mich eben mit der Herbergsmutter und der Mama ihrer Mitbewohnerin. Und Toechterle strengte sich wirklich an und machte 3 Kisten leer, solange wir dort waren.

Wieder in der Pension hoerten wir beim Abendessen beunruhigende Nachrichten: Das Wetter haette sich so verschlechtert, dass die Faehre am Sonnabend hoechstwahrscheinlich nicht ausfahren koenne und dass man darueber nachdenke, am Freitag eine Tagesfaehre fahren zu lassen, so dass wir eben einen Tag frueher wieder auf dem „Festland“ waeren. Das waere ja alles nicht so schlimm, nur als ich am naechsten Morgen um 6 Uhr aufwachte und das Wetter sah, dachte ich mit Grauen an die 5 Stunden auf einer aufgewuehlten offenen See, die fuer das Inselhoppen der Tagesfaehre notwendig waren. Ich war fast erleichtert, als die Faehre abgesagt wurde und man auf das Beste fuer den naechsten Tag hoffen solle.

Der naechste Tag brachte auch keine besseren Zustaende, so dass auch die Faehre gestrichen wurde. Wir hatten ja kein groesseres Problem, wenn wir am Sonntag erst fahren wuerden. Aber die Mama der Hokkaidoerin und die Eltern des neuen Schuelers mussten teilweise sogar internationale Fluege bekommen, so dass sie vor einem relativ grossen Problem standen, was denn zu tun sei. Das Dorf versuchte sein Bestes, ihnen zu helfen, schliesslich bot man ihnen an, sie auf ein Fischerboot zu verfrachten und damit nach Kagoshima Stadt zu fahren. Die See war zwar nicht mehr so wild wie die 2 Tage davor, aber sie als ruhig zu bezeichnen waere eine voellige Uebertreibung gewesen. Das Boot hopste die erste der zwei Stunden regelrecht ueber die Wellen, und auch wenn der „Wasserfeldweg“ der Hokkaidoerin am Anfang richtig toll gefiel, so verfaerbte sich ihr Gesicht langsam immer weiter, bis sie „zurueckfruehstueckte“. Maennle und Soehnle ging es auch immer schlechter, auch wenn Maennle gerade noch im gelben Bereich blieb. Die Eltern des neuen Schuelers waren schon oft auf Booten und daran gewoehnt, ebenso der stellvertretenden Buergermeister. Mir ging es auch den Umstaenden entsprechend sehr gut. Entweder wirken Reisekrankheitstabletten geradezu mirakuloes, oder aber ich bin staerker, als ich es selber fuer moeglich gehalten hatte.

Toechterle strahlte in den 3 Tagen auf der Insel geradezu vor Freude. Und ihr ging es sichtlich besser als im gesamten 5. Schuljahr davor zusammen. Heute am Sonnabend rief sie uns an, um noch um ein paar Dinge zu bitten, die sie noch brauche. Und sie war einfach nur gluecklich und begeistert von allem. Ich hoffe mal, dass sich das Gefuehl nicht grossartig aendern wird. Und mit etwas Glueck bekommt sich uns auch in der goldenen Woche besuchen, wo auswaertige Kinder die 2 Schultage zwischen den Feiertagen freinehmen koennen, damit sie ihre Familien besuchen fahren koennen.

Uebrigens gibt es in Japan ein Reiseprogramm, wo Schauspieler und andere bekannte Leute irgendwie in weit entfernte Gegenden von Japan fahren und dort im Freien uebernachten. Und es passierte das kleine Wunder, dass sich ausgerechnet Jinpo Satoshi sich ausgerechnet Takeshima ausgesucht hatte. Zu seinem grossen Erstauen waren alle, die er ansprach, in uebelster Eile, weil, so das 2. kleine Wunder, er sich genau den Tag der Abschlussfeier der oertlichen Schule ausgesucht hatte und so gut wie jeder dorthin ging, auch wenn sie keine Kinder haben. Er tat das natuerlich auch, und so passierte das 3. kleine Wunder, dass die Abschlussfeier von 2018 von Fernsehkameras gefilmt und im ganzen Land ausgestrahlt wurde. Fuer Toechterles Mitbewohnerin (Grundschulabschluss) und ihren Bruder (Mittelschulabschluss) war das natuerlich ein unvergessliches Erlebnis. Und mein Gott, es war nicht irgendeiner, sondern Jinpo Satoshi! Wie bin ich neidisch! Aber da die Faehre am Sonntag fuhr, konnten die Hokkaidoerin und ich uns zusammen den Grossteil des Programms anschauen, bevor wir zum Hafen mussten. Das ist doch auch was!

 

 

Ein schoenes Jahr 2018 und viele Veraenderungen

Ich habe ja leider meinen kleine Blog lange ignoriert, nicht unbedingt, weil ich keine Lust mehr habe, sondern mehr, weil ich arbeitsmaessig so geschlaucht war, dass ich einfach keinerlei Energie mehr dafuer hatte.

Da mein Arbeitsweg mindestens 70 min Fahrtweg mit der Bahn in eine Richtung plus dem Anfahrtsweg und Wartezeit bedeutet, war oder bin ich seit April letzten Jahres mehr oder weniger dauerausgelaucht. Das darf so nicht weitergehen, wenn ich nicht irgendwann mal umkippen soll. Meine Schule ist gerade dabei, sich in vielem zu aendern, was mich schon sehr interessiert haette zu erleben, aber da auch meine Schule ab dem naechsten Jahr keine Moeglichkeit mehr hat, sich einen Lehrer zu leisten, der nicht wie wie alle anderen 150% Leistung*) bringen kann, haben wir uns einverstaendlich darauf geeinigt, dass ich keinen neuen Vertrag mehr bekomme. Also heisst es wieder Frohes Bewerben.

*) Lehrer in Deutschland moegen es nicht immer leicht haben, aber mit dem, was an japanischen Schulen passiert, ist das gar nicht zu vergleichen. Nicht nur, dass hier i.d.R. die Klassen schnell mal doppelt so gross sind wie in Deutschland, japanische Lehrer muessen unwahrscheinlich viel Verwaltungskram mit erledigen. Und darueber hinaus gibt es das Klubleben. Mein Kollege, der mit mir angefangen hat, hat noch den relativ unaufwaendigen Tischtennisklub zu betreuen, aber selbst er kommt 3 Mal die Woche nicht vor 21 Uhr nach Hause. Und natuerlich ist auch am Wochenende Training. Und Ferien bedeutet nicht, dass die Lehrer Ferien haben. Es ist nur normale Arbeitszeit ohne Unterricht. Und das Klubleben geht natuerlich weiter. Kein Wunder, dass kaum jemand von den juengeren Lehrern einen Partner hat. Und es ist auch kein Wunder, dass immer weniger junge Leute Lehrer als Beruf anstreben. 

Overworked teachers call for change as extracurricular supervision takes toll

Weiterhin hat sich Soehnle wieder ein Haustier gewuenscht. Also gingen Papa, Soehnle und Schwesterle am 23. Dezember zum Einkauf eines Hamsters und kamen hiermit zurueck:

Fubuki

Wie, eine Ratte?! Naja, wenn es denn unbedingt sein muss! Und nachdem so ziemlich jede Seite von „Ratten sind gesellige Tiere und brauchen einen Partner“ spricht, zog eine Woche spaeter diese junge Dame bei uns ein.

Miyuki

Und bis jetzt sind alle 3 Kinder von ihnen voellig begeistert und kuemmern sich um sie. *auf Holz klopf*

Weiterhin werden wir ab April nur noch 4 sein. Nicht, weil unsere ATS weggeht, sondern weil Toechterle „reif fuer die Insel“ ist. In Japan gibt es nationale Austauschprogramme, wo Kinder zwischen Klasse 1 bis 9 auf eine kleine Schule entweder auf einer Insel oder irgendwo in den Bergen gehen und dort ein Jahr oder laenger in einem Wohnheim oder bei Gastfamilien leben. Toechterle hat sich fest entschlossen, die 6. Klasse auf Takeshima zu verbringen, dort auf eine Schule mit gegenwaertig 16 Schuelern (davon 6 ATS) zu gehen und bei einer Gastfamilie zu leben. Gut, vielleicht sollte man eher familiaeres Wohnheim sagen, weil das Ehepaar (um die 60) dort seit fast 20 Jahren (fast?) alle ATS aufnimmt und betreut. Toechterle wird sich dort mit einem ein Jahr aelterem Maedchen aus Hokkaido ein Zimmer teilen, und ihr kleiner Bruder und 3 weitere Jungen wohnen im Nachbarzimmer.

Takeshima

Die Insel ist ungefaehr so gross wie Helgoland, nur dass dort nicht 1.400 Leute, sondern nur etwas ueber 70 wohnen. Die Insel ist, wie der Name schon sagt, fuer ihr Bambus (jp. Take) beruehmt. Und nein, es handelt sich dabei nicht um die 3 oder so Felsen namens Takeshima / Dokdo, wowegen sich Suedkorea und Japan immer noch in den Haaren liegen. Diese befinden sich zumindest nach japanischer Auffassung in der Praefektur Shimane und nicht wie unser Takeshima in Kagoshima.

Die Insel ist mit der Stadt Kagoshima durch einer Faehre verbunden, die fuer die Strecke 3 Stunden braucht und dann danach die anderen beiden, oestlich gelegenen Inseln des Dorfes Mishima (jp. Drei-Inseln) anfaehrt. Wer Lust und Interesse hat, kann sich gerne mal das Video von Takeshima anschauen.

Wir sollten eigentlich am 15. Dezember zum Interview nach Kagoshima kommen und am naechsten Morgen fuer einen Tag auf die Insel fahren. Leider machte uns das Winterwetter einen Strich durch die Rechnung, so dass wir nur den Gastvater am Morgen trafen. Toechterle und er schienen einander zu moegen, und Herr H. versprach ihr, sie zum Angeln mitzunehmen. Und er erzaehlte auch von vielen anderen Dingen, so dass Toechterle jetzt kaum noch die Zeit abwarten kann, bis es endlich losgeht. Wir nutzten dann das restliche Wochenende, um Kagoshima unsicher zu machen. Eine schoene Stadt, ich kann sie Touristen nur empfehlen.

Das letzte, was passiert ist, war, dass unser lieber japanischer Opa (Jii-chan), der Uropa der Kinder ploetzlich am 7. Dezember gestorben ist. Er schien es laut den Erzaehlungen selbst gefuehlt zu haben, weil er sich die Woche vor seinem Tod ploetzlich von allen moeglichen Leuten verabschiedete. Er brach dann am Dienstag abend zusammen, wurde bewusstlos eingeliefert und verstarb dann am Donnerstagmorgen. Ich versuchte mich, mental darauf vorzubereiten, aber es ging einfach nicht. Mir liefen einfach nur die Traenen runter, als ich die Nachricht erhielt.

Meine Schule schickte mich nach Hause. Aber auch auf dem Weg zum Bahnhof hoerte der Traenenfluss nicht auf. Ich sass im Zug und versuchte, es so weit es geht zu unterdruecken. Dann passierte es, dass eine putzmuntere 80-jaehrige Dame sich neben mich sitzte. Sie erzaehlte mir von dem Ausflug mit ihren 4 Freundinnen, und als ich merkte, dass das einen positiven Einfluss auf mich hatte, flehte ich sie nahezu an, weiter zu erzaehlen. Und sie machte es. Und als ich mich etwas beruhigt hatte, erzaehlte ich ihr von Jii-chan. Darauf fing sie an, mich zu troesten und erzaehlte mich, dass wenn sie nach ihrem Tod so beweint werden wuerde, der ja auch nicht mehr zu weit entfernt liegt, sie sehr gluecklich sein wuerde. Aber sie wuerde genau wie Jii-chan nicht wollen, dass man ueber den Tod hinweg sein eigenes Leben vergisst und sich nur wuenscht, dass sie immer in den Herzen der Trauernden verbleiben wird.

Die Frau war ein Engel. Sie war genau, was ich in der Minute brauchte. Als wir uns verabschiedeten, weil wir an der Endhaltestelle in verschiedene Zuege steigen mussten, ging es mir um Welten besser. Die Verzweiflung hatte sich etwas abgeflaut. Ich werde sie niemals vergessen.

Ich wuensche meinen Lesern noch ein schoenes Jahr 2018. Moege es besser werden als das letzte und uns grosse Katastrophen ersparen!