Endlich vorbei

In der Regel bietet das Ende eines Jahres immer doch Anlass zu Traenen, auch wenn bei manchen Schuelern dann noch einfach nur Muedigkeit da ist und man sich freut, dass es (erst einmal) vorbei ist. Aber im Fall unserer kleinen Finnin waren wir doch sehr begeistert zu hoeren, dass sie uns wieder besuchen kommt. Die deutsche ATS ist vor ueber 2 Wochen abgefahren, und nicht nur, dass ihre Abwesenheit keinen Verlust bedeutet, sie hat sogar die Lebensqualitaet verbessert.

Sie ist die erste ATS, die Maennle und ich fuer einen Austausch fuer voellig ungeeignet halten. Und anscheinend waren wir da nicht die einzigen: 4 deutsche Orgs., darunter auch 2 kommerzielle hatten das gleiche Gefuehl. Sie sah es aber als etwas an, auf das man stolz sein muss, weil sie nach 4 Misserfolgen endlich jemanden gefunden hatte, der sie nach Japan liess.

Ja, natuerlich gibt es immer ATS, die arrogant, egoistisch, manipulativ oder sonst wie unangenehm sind (ich denke da nur an die Thai von vor 9 Jahren.) Aber bei ihr sind wir uns uns beide einig, dass es eine unangenehme Mischung zwischen fehlender Intelligenz und mangelnder sozialer Grundkompetenzen war.

Man kann ihr Sachen 5 Mal erklaeren, und man konnte Geld darauf wetten, dass sie es beim 6. Mal wieder falsch macht. Sie hatte null Gefuehl dafuer, was jetzt wichtig ist. Alle fangen an zu arbeiten, sie nimmt die Ratten aus dem Kaefig und faengt an, damit zu spielen. Der Grund, warum sie sich schnell wieder in ihr Zimmer zurueckzog, war wohl nicht Ungluecklichsein, sondern die Tatsache, dass das Japanisch ihr dann Kopfschmerzen bereitet. Und das Schlimmste war dann, dann sie dann sinnlose deutsche und englische Clips auf YouTube anschaute, was fuer ihr Japanisch auch nicht gerade foerderlich war. Kein Wunder also, dass sie selbst am Ende ihres Jahres nicht einmal normales Alltagsjapanisch verstand. Und das gesprochene Japanisch hatte das Niveau, was normale ATS nach ein bis zwei Monaten hatten, und im Grossen und Ganzen aus auswendig gelernten Phrasen bestand.

Sie fragte nichts, sie verstand ungeschriebene japanische Regeln nicht, selbst wenn man sie auf Deutsch erklaerte. Sie trug nichts zum Familienleben bei. An manchen Tagen hatte ich sie nicht einmal getroffen, weil ich frueh los musste und sie dann abends schon in ihrem Zimmer war. Sie scheint wohl eher ein Nachtmensch zu sein, was dann dazu fuehrte, dass sie an Nichtschultagen bis Mittag schlief. Sie lernte wohl auch Japanisch, aber sie konnte sich einfach nicht die Vokabeln merken. Von Kanjis ganz zu schweigen, so dass sie nach dem Jahr weder das Kanjiexamen fuer die Erstklaessler (Kanken Niveau 10) oder den JLPT Niveau 4 bestanden haette. Selbst bei Niveau 5 waere ich mir da nicht sicher, einen Grosteil der wirklich elementaeren Grammatik davon beherrschte sie zumindest nicht nach all der Zeit. Und wenn sie uns mal japanische Nachrichten schickte, dann waren es definitiv wortwoertliche Uebersetzungen aus dem Deutschen.

Aber die Sachen, die sie sich die letzten Tage noch geleistet hatte, liessen einen bloss die Haende vors Gesicht schlagen. Ich hatte ihr schon 10 Tage vorher gesagt, wie sie das mit ihrem Gepaeck machen muss und wann sie spaetestens was abschicken muss, damit sie es dann auch in Tokyo hat. Das wurde natuerlich voellig ignoriert oder alles nur auf die letzte Minute gemacht. 20.30 Uhr am letzten Abend sah ihr Zimmer immer noch aus wie ein Saustall. Nicht, dass sie mir geglaubt haette, dass man durchaus einen Tag braucht, Sachen zu packen und sich abreisefertig zu machen. Nein, sie musste doch noch mal zu ihrem Schulklub tigern und dort den letzten Tag verbringen. Dann fiel ihr ploetzlich ein, dass sie ja gar kein Geld fuer ein Reisbaellchen frueh im Bus haette und verlangte von meinem Mann, dass er sie doch zum naechstgelegenen offenen fahre. Der bei uns um die Ecke hatte ja nur bis 18 Uhr auf, und bis dahin war ihr nicht aufgefallen, dass sie kein Geld hatte.

Am naechsten Morgen forderte sie dann von meinem Mann, ich bin ja so wieso nur boese und unterstuetze sie nicht, dass er ein Paket fuer sie abschicken solle. Das Geld dafuer solle er durch den Verkauf ihres Fahrrads bekommen und duerfe auch den Rest des Geldes behalten. Sie erwartete allen Ernstes, dass man dafuer 30.000 Yen bekommen wuerde, wo sie es nur fuer etwas ueber 20.000 Yen gekauft hatte und es mittlerweile 10 Monate alt war. Gluecklicherweise streikte da selbst mein viel zu gutmuetiger Mann, so dass sie ihm zaehneknirschend 5000 Yen (45 Euro) gab.

Mir war das hinterbliebene Chaos, sie hatte nicht einmal ihr Bett abgezogen, doch zu viel, um es gleich anzugehen, so dass ich es auf spaeter verschob. Dann bekam ich ploetzlich eine Nachricht von einem Maedchen, das zwar auf die gleiche Schule geht, aber weder Klassenkameradin noch irgendwie eine gute Freundin war. Die ATS hatte ihr wohl aufgetragen, die Geschenke, die sie fuer ihre Klasse angefertigt hatte, mit dem FAHRRAD mit zur Schule zu nehmen. Leider war sie auch zu gutmuetig, um das abzulehnen. (Nur fuer die Akten, wir bekamen nicht das geringste Dankeschoen fuer die 10 Monate, nicht einmal einen billigen Blumenstrauss fuer 500 Yen.)

Da Toechterle in etwas ueber 2 Wochen nach Hause kommen sollte, sie geht ja auf eine Inselschule in Japan und wohnt dort bei einer Gastfamilie, machte ich Bestands- oder besser Schadensaufnahme im ATS-Zimmer. Und da sah ich zu meiner grossen Ueberraschung einen riesigen Berg mit Zeugs liegen. Erst dachte ich, dass das nicht weggeworfener Muell sei, bis ich ihre geliebte Harry Potter-Tasche, fuer die sie toeten wuerde, sah und das Schlimmste vermutete. Und ja, anscheinend hatte sie es nicht einmal fuer notwendig gehalten, die Sachen einzupacken. Klar macht das irgend jemand fuer sie! Ganz zu schweigen davon, dass sie mal geistig durchgeht, ob so viel Zeugs ueberhaupt in eine Kiste geht und, kurz mal gemessen mindestens 16 kg Gepaeck, wirklich fuer 5000 Yen (45 Euro) nach Deutschland geschickt werden kann. Und das, obwohl sie erst 6 Tage vor ihrer Abreise eine grosse Kiste abgeschickt hatte, die meines Wissens auch nicht voll war, und sie wissen muesste, was sie dort bezahlt hatte.

Ich kontaktierte WYS, und sie waren echt entsetzt ueber so viel Ignoranz und Idiotie. Sie baten mich also, den Kram fuer sie zu packen und nach Tokyo zu schicken, wo sie sich dann um den Rest kuemmern wuerden. Die 2 grossen Kisten, die im Zimmer rumstanden, reichten nicht einmal fuer alles, so dass wir letzten Endes noch eine 3. Kiste nehmen mussten, um das Zeugs zu verpacken. (Das hatte uebrigens nur 15 min gedauert, also an Zeitmangel kann es nicht gelegen haben.) Selbst wenn sie das langsame Schiff (bis zu 8 Wochen) gewaehlt haette, wuerden die 3 Kisten an die 200 Euro kosten. Da die WYS-Leute Japaner sind, nehme ich mal stark an, das sie das Zeugs mit EMS verschicken, so dass es ihre Eltern letzten Endes schnell 400 Euro kosten wird. Und ich bin mir nicht sicher, ob der Wert der Sachen ueberhaupt so hoch war. Da war so viel Zeugs mit dabei, dass von dem man sich als ATS haette trennen muessen, weil auch das ein wichtiger Teil eines Austauschjahres ist. Man kann einfach nicht jedes Stueck Papier aufheben, nur weil es der geliebte Sempai mal beruehrt hat.

Danach raeumte ich das sogenannte aufgeraeumte Zimmer auf und putzte es durch, und es kostete mich trotzdem noch 4.5 h meines Lebens. Aber dieses Maedchen, das jetzt immerhin schon volljaehrig ist, hatte das Gefuehl, dass sie nichts falschgemacht hatte. Ich kann voll verstehen, dass sie von 4 Organisationen abgelehnt wurden, darunter auch 2 kommerziellen. Wenn dem so ist, wie tief muss da das Niveau der Org. sein, die sie fuer geeignet hielt. Leider wusste keiner davon, bis sie mal nach ihrer Ankunft in Japan ganz stolz davon erzaehlte, dass sie es dann nach so vielen Anlaeufen dann doch geschafft hatte.

Uebrigens hatte WYS genau solche Probleme bei der Betreuung gehabt. Man konnte zu ihr nicht durchdringen, ihr Japanisch war so gut wie non-existent. Und wenn ihr Englishniveau wirklich das durchschnittliche von einer deutschen Realschule ist, dann verstehe ich langsam, warum Deutschland in PISA so relativ schlechte Ergebnisse bekommt. Und selbst ihr Deutsch war oft konfus, dass ich selbst geschriebene Sachen nicht verstand. Und sie machte grobe Grammatikfehler wie Les das mal! Oder Esst du das? Und wenn ich Sachen auf Deutsch erklaerte, konnte sie auch nicht wirklich folgen.

Ich werde am 2. August die Leiterin treffen, die dann die offizielle Begruessung bei der Oberschule der naechsten ATS macht. Und dann gebe ich ihr die 5000 Yen, und dann hat sich das Thema endlich erledigt.

3 Kommentare zu “Endlich vorbei

  1. Ich lese deinen Blog schon seit einiger Zeit, aber jetzt das erste Mal als frisch gebackener ehemaliger ATS. So liest sich dein Blogpost (vor allem jetzt dieser) doch sehr anders und speziell. Ich frage mich wie meine Gastfamile über mich schreiben würde… 🙂

  2. Schoen, dass dir mein kleines Bloegchen gefaellt. Vielen Dank!

    Ich verstehen dich gut. Ich hatte meine Gasteltern mal vor Jahren in mein Reiseerinnerungsbuch einschreiben lassen. Und ich war ueberrascht zu lesen, dass mein Gastvater schrieb, dass es viele Plus- und Minusseiten gab, aber gluecklicherweise die Plusseiten den groesseren Teil bildeten. Ich hatte eigentlich nicht sooo das Gefuehl gehabt, dass ich jetzt so schlecht war, auch wenn es 3 oder 4 Mal Missverstaendnisse oder echte Fehler von mir gab, fuer die ich wirklich ausgeschimpft wurde.

    Ich fand es uebrigens auch sehr interessant, als unsere ATS vor 6 Jahren gleichzeitig zu uns ein Internettagebuch schrieb, wo sie sich oft ueber die gleichen Sachen aeusserte. Sie hatte manchmal auch eine sehr andere Sichtweise auf Dinge.

    Aber keine Angst, wir reden nicht schlecht ueber jemanden, der so stark versucht hat, ein guter ATS zu sein. Aber das Maedchen dieses Jahr schloss sich echt aus allem aus, forderte nur, ohne zu geben. Sie hatte einen Nachteil zu ATS, die schon einmal gut eine andere Sprache gelernt hatten. Aber sie versuchte nicht einmal, Vorschlaege anzunehmen und machte es dann doch wieder so, wie sie es gewohnt war. Nur um dir ein Beispiel zu geben, sie hatte ueber einen Monat gebraucht, um sich nur den Namen ihres Gastbruders richtig zu merken. Also echt! Dazu war das Einzige, dass ihr irgendwas bedeutete, ihr Schulklub. Obwohl wir ihr sagten, dass es viel Arbeit bedeutet zu packen und alles fertig zu machen und ihr sogar einen Zeitplan gaben, ignorierte sie ihn und ging am letzten Tag wieder zum Klub. Wie ignorant muss denn ein Mensch sein, um staendig nur alles Notwendige zu ignorieren und nur sein Zeugs zu machen, ohne Ruecksicht darauf, was das fuer andere bedeutet.

    Wenn du Spass mit deiner GF hattest und ihr zusammen gelacht habt und dann vor allem am letzten Tag auch Traenen auf Seiten der GF flossen, dann wird sie auch nicht viel Negatives zu sagen haben. Aber wir waren fuer die ATS nur eine kostenlose Pension, fuer die man nichts machen muss. Und irgendwann haben wir aufgegeben und bloss noch gewartet, dass sie endlich nach Hause faehrt.

  3. Ich sollte vorab wohl noch sagen dass ich nicht ein klassisches High School Jahr gemacht habe sondern erst mit 22 in die USA flog und dort dann auf ein College ging; das Alter und die damit verbundenen Freiheiten und Pflichten verändern die ganze Dynamik aus meinen Augen recht stark.

    Ich hatte in meinem ATJ zwei Gastfamilien da ich etwa zur Halbzeit wechseln musste wegen familiären Problemen der ersten Familie. Bei der ersten hatte ich noch Energie und Lust mich auf die Familie einzustellen und meinen Versuchen zum Trotz klappte es nicht so wirklich. Rückblickend denke ich das erstens der Gastvater (alleinerziehend) eine andere Art von ATS erwartet hatte bzw brauchte und ich diesen Erwartungen nicht gerecht werden konnte, zweitens hatte er mit seinem Geschäft auch einfach extrem wenig Zeit um überhaupt irgend etwas zu machen. Als ich dann meine HF wie gesagt zur Halbzeit gewechselt hatte, hatte ich persönlich auch nicht mehr die grösste Lust ALLES für die HF an mir zu ändern nur um reinzupassen. Wir hatten es sicher gut und ich und meine Gastmutter hatten auch immer wieder lange Gespräche geführt über Gesellschaft, Politik etc. aber wirklich etwas miteinander gemacht haben wir nicht viel. Sie hatten auch keine Kinder mehr im Haus. Es fühlte sich eher wie eine WG als ein ATJ an was sie später dann auch bestätigen dass sie es eben genauso auch wollen (hat halt wie oben bereits erwähnt mit dem Alter zu tun). Kurz vor Ende hatte ich dann auch noch die Local Koordinatorin gegen mich aufgebracht (vermutlich wegen dem Familienwechsel) so dass die mir dann auch recht egal war. Tränen flossen bei beiden Gastfamilien keine, der Abschied am Flughafen war in Sekunden vorbei.

    Es wird sicher Fehler auf meiner Seite gegeben haben aber schlussendlich wenn ich mit den anderen drei ATS vergleiche die zur selben Zeit am selben Ort waren mit mir, kann ich nicht viele Unterschiede zwischen ihren und meinen Erlebnissen und Erfahrungen ausmachen weshalb es nicht allzusehr an mir gelegen haben konnte. Ich würde das Jahr definitiv ein weiteres Mal machen, aber ich werde versuchen als Freiwilliger bei meiner Organisation die neuen ATS (im College Programm) besser darauf vorzubereiten was wirklich auf sie zukommt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s