Leben mit Erdbeben

Nach dem ersten Erdbeben entschieden wir uns doch, lieber in unserer doch relativ wenig Schaden erlittenen Wohnung zu bleiben und hier zu schlafen, als zu riskieren, das Haus zu verlassen und dann vielleicht von herunterfallenden Ziegeln erschlagen zu werden. Ich war nervoes und hatte meiner Chefin gefragt, was ich machen sollte, da ich bei allem Frieden doch nicht von der Seite meiner Kinder weichen wollte. Gluecklicherweise bekam ich frei, und als Goettergatte wieder zuhause war, versuchten wir doch, irgendwie in eine Routine zurueckzufinden.

Die Nachbeben an dem Tag waren nicht ohne, aber auch nicht besonderlich sorgenerregend, da sie normal fuer so starke Erdbeben sind. Ich schob meine Sorgen als sinnlos beiseite, so dass ich auch leider nicht mehr die Tapes an die Schraenke machte. Ein grosser Fehler! Gegen 1.30 Uhr nachts ging es los, ein Beben, das alles durcheinander warf. Ich schaute Maennle nur an, so gut man das bei Stromausfall machen kann, und wir sagten bloss „Raus hier aus der Wohnung!“ Wir nahmen schnell mit, was man so noch brauchen koennte (Sachen zum Umziehen, Essen & Trinken, Futons).

Zwischendurch kam gluecklicherweise der Strom wieder, aber auch das brachte uns nicht von unserer Entscheidung ab. Wir stiegen ins Auto, weil auch nicht abzusehen war, was sonst noch so passieren konnte und ich auch gehoert hatte, dass viele, die in die oertliche Grundschule gefluechtet waren, dort in Autos schliefen.

Der grosse Spiel- und Sportplatz der Schule war voll, so dass wir uns entschieden, mit anderen auf dem offenen Parkplatz des Restaurants vor unserer Haustuer zu verbringen und bei Tagesanbruch weiterzusehen, was dann zu machen ist. 4 Stunden spaeter war endlich die Sonne draussen, und Maennle hatte die Idee zu fragen, ob er uns nicht in den oertlichen Knast evakuieren koennte.

Ich hatte gehoert, die die Angestellten ihre Familien dorthin evakuiert hatten, aber was ich dann sah, schockierte mich doch: Die doch relativ kleine Turnhalle war bis auf den letzten Fleck mit ca. 250 Menschen angefuellt, so dass ich mich fragte, wo wir da doch noch mit schlafen sollten. Wir fanden dann doch noch eine Stelle zwischen 2 aelteren Ehepaaren und einem juengeren, das sich gerade verlobt hatte, so gross, dass ein Futon hinpasste und quer darueber eine halbe Decke, wo die Kinder schlafen sollten. Einer kleinen Finnin war dann Privatssphaere doch wichtiger als Bequemlichkeit, so dass sie sich zwischen einen Pfeiler und die Wand mit einem nichtverschliessbaren Lueftungsfenster quetschte.

Wir waren im Vergleich zu anderen doch noch in einer ziemlich guten Lage, weil wir erstens Strom hatten, am Kopf des jungen Paares befand sich sogar eine Steckdose. Weiterhin hatten wir zumindest etwas Wasser, weil das Gefaengnis einen Brunnen auf seinem Gelaende hat, das dann von den Angestellten in 200 l Kuebeln nach aussen gekarrt wurde und dort auch an Beduerftige aus der Umgebung ausgegeben wurde. Und wir bekamen auch 3 Mahlzeiten am Tag, auch wenn ich in bezug auf den Geschmack des ersten Tags mit „Kein Kommentar“ antworten moechte. Am Morgen des 2. Tages (Sonntag) kam der Leiter des Gefaengnisses und gestand uns, dass er zwar noch irgendwie etwas fuers Fruehstueck zaubern koennte, aber dass zu dem Zeitpunkt nicht abzusehen war, was am Mittag passieren sollte. Gluecklicherweise kamen an dem Tag die ersten Trucks von anderen Gefaengnissen an, die nicht nur die Essensreserven auffuellten, sondern auch Geraete zum Erwaermen von Speisen und Wasser zum Wasser mitbrachten, so dass es dann am Abend das erste Mal warmen Reis mit Gemuese und Huehnerfleisch gab, den man sogar als lecker bezeichneten konnte.

Wir wagten uns am Sonntagnachmittag das erste Mal zurueck in unsere Wohnung und machten Schadensaufnahme. Das 2. Erdbeben hatte unserem Wohnblock uebels zugesetzt, die Risse und abgefallenen Kacheln waren angsteinjagend. Die Kinder suchten spaeter Risse in unserer eigenen Wohnung und fanden 2 in Trennwaenden zwischen Zimmern und einen in einer Aussenwand. Das Erdbeben hatte es geschafft, die gesamten Buecher aus einen Buecheregal rauszureissen, gluecklicherweise ist das aber so in der Wand eingeklemmt, dass es bei aller Liebe nicht im Guten daraus kommt. Dafuer hat es aber das aeltere volle Buecherregal daneben um 20 cm verschoben, und das, obwohl das leer schon ueber 100 kg wiegt. Die Kraefte des Erde sind schrecklich.

Leider hatte ich mein Misstrauen in Bezug auf ein moegliches 2. Erdbeben ziemlich fallen lassen, so dass ich leider nicht wieder die Tapes drangemacht hatte. Durch die Erdbebensicherung oben blieb der Schrank stehen, aber das Schuetteln reichte trotzdem, dass ein Teil Geschirr aus dem Schrank fiel und kaputt ging. Das 2. Erdbeben schmiss auch unsere Salz- und Zuckergefaesse durch das ganze Zimmer, so dass das ganze Zimmer klebte und man wie auf Sand ging. Gluecklicherweise blieb unsere Mikrowelle stehen im Gegensatz zu anderen Wohnungen, wo sie durch die halbe Kueche geschleudert wurde. Und natuerlich sah unsere Vorratskammer unmoeglich aus, weil so ziemlich alles auf dem Boden lag, was auf dem Boden liegen konnte. Ein Fenster laesst sich nicht mehr wirklich oeffnen, mal sehen, was man da noch machen kann. Das Schlimmste war aber noch, dass unsere Warmwasseraufbereitungsanlage gelitten hatte und die Beine verbogen sind, so dass uns die Herstellerfirma spaeter erzaehlte, dass wir eine neue kaufen muessen, was uns so zwischen 4000 bis 5000 Euro kosten wuerde und von dem nur ein winziger Teil von der Erdbebenversicherung eventuell(?) bezahlt werden wuerde.

Am Sonntagabend fuhren wir eine Runde durch unsere Stadt, und ich war so positiv erstaunt als auch ziemlich deprimiert, als ich die Auswirkungen auf sie sah. Positiv, weil ich doch mit mehr sichtbaren Schaeden gerechnet hatte, deprimiert, weil einem beim genaueren Hinsehen die Verwuestungen doch Traenen in die Augen trieben.

Am Montag fuhren wir wieder zum Aufraeumen in unsere Wohnung. Ich hatte eine Frau kennen gelernt, die aufgrund fehlender Alternativen schon wieder in ihre Wohnung eingezogen war und mich zum Duschen einlud. Ich hatte seit Freitagmorgen nicht mehr geduscht, und auch wenn ich versuchte, mich doch irgendwie so sauber wie moeglich zu halten, so waren meine Moeglichkeiten doch eingeschraenkt. Gott, ich war, glaube ich, noch nie so dankbar ueber eine 5 min Dusche.

An dem Tag war auch in unserer Wohnung wieder das Wasser da, so dass ich mich entschloss, den warmen Tag zu nutzen, die Waesche zu waschen. Als ich aber aus dem Augenwinkel heraus die waescheschleudernde Waschmaschine sah, geriet ich in Panik, weil ich dachte, dass wieder ein Erdbeben gekommen sei. Das Gleiche passierte mir ein 2. Mal.

Das Wetter hasste uns anscheinend auch. Am Sonntag regnete es bis zu 150ml (Deutschland hat meistens nur 600-800 ml im JAHR) auf viele von den Erdbeben weichgeschuettelten Haengen, so dass die Gefahr auf  Erdrutsche noch weiter anstieg. Am Montagabend wurde es nachts so kalt, dass die Temperatur auf 6-7 Grad abfallen sollte. Das Gefaengnis teilte daher extra Woll- und Aluminiumdecken gegen die Kaelte aus. Ich machte mir um unsere Finnin wirklich Sorgen, die ja am offenen Fenster schlief, so dass ich ihr dann vorsichtshalber extra noch mal eine Woll- und Aludecke ueberlegte, dass sie sich nicht unterkuehlt.

Am Dienstag warteten wir auf Maennle und fuhren dann wieder nach Hause zum Aufraeumen. Es war zumindest etwas beruhigend, dass tagsueber mehr Bewohner kamen, um sich ans Aufraeumen zu machen. Aber meine Nerven waren immer noch wie gespannt, und bei jedem kleineren Beben wurde ich panisch, ob es sich jetzt dabei um das eventuell zu erwartende 3. grosse Erdbeben handeln koennte. Goettergatte stand am Abend von seinem Tagesschlaf auf und fing dann an, vorzuschlagen, ob nicht auch wir es riskieren sollten, in unsere Wohnung zurueckzukehren. Zwar hatten wir immer noch kein Wasser, es wurde am Montagabend wieder abgestellt, weil man einen Rohrbruch gefunden hatte, aber wenn alles glatt laufen sollte, sollte das Wasser am Mittwoch frueh wieder da sein.

EkF und Maennle fuhren also zum Gefaengnis zurueck und holte die Futons und ergatterten dann in einem Kombini sogar noch etwas „Frisches“ fuers Abendbrot und Fruehstueck am naechsten Tag. Aber das bedeutete, dass wir uns ab diesem Tag alleine durchschlagen mussten.

Die naechsten Tage waren mit weiterem Aufraeumen und verschiedenen offiziellen Checks voll. Wir erhielten am Freitag endlich die offizielle Nachricht, dass unser Haus als bewohnbar eingestuft wurde, auch wenn die Schaeden noch lange Zeit brauchen werden, bis alles weg ist. Leider bekamen wir auch eine fuer uns sehr nervige Info: Naemlich, dass die Schule bis zum 10. Mai in Erdbebenferien, wie Toechterle das nannte, sein wuerde. Komatta naa! (Ein echtes Problem!) Mein Arbeitgeber hatte mir naemlich angekuendigt, dass die Arbeit fuer mich am Montag wieder losgehen sollte. Und da das urspruenglich der Beginn des Unterrichts sein sollte, haette das gut gepasst. Ich koennte zwar noch laenger freimachen, wenn es nicht anders geht, aber dann nur als unbezahlten Urlaub.

Gluecklicherweise stellte nach dem Zaehlen der Tage heraus, dass dank Maennles unregelmaessigen Schichtzeiten und der sogenannten Golden Week, wo ich so wieso freimachen muss, wir nur 3 Tage hatten, wo wir ein Aufpassproblem mit den Kindern hatten. Maennle nahm sich daher am Montag einen Urlaubstag, und die anderen 2 Tage wollte eine Freundin von mir die Kinder beaufsichtigen und die Verantwortung uebernehmen, falls denn doch noch einmal ein groesseres Erdbeben kommen sollte. Leider fand Soehnle das nicht so toll, der sich dann gestern abend Fieber zulegte und sich mehrmals uebergab, so dass sich das mit dem Arbeitengehen heute erledigt hatte. Naja, wenigstens gibt es jetzt nur noch einen Tag mit einem Aufpassproblem bis zum planmaessigen Beginn der Schulzeit.

Die Familie und die Freunde einer kleinen Finnin sehen die Sache relativ entspannt, wahrscheinlich auch, weil sie am Anfang auch gar nicht nachvollziehen konnten, in was fuer einer praekaeren Lage wir waren. Und jetzt gibt es zumindest keinen Grund mehr, sich extremst Sorgen um das Leben ihrer Tochter, Schwester oder Freundin zu machen, weil zumindest Lebensmittel wieder erhaeltlich sind.

Unsere Organisation, WYS, war sehr besorgt, daher hatte ich sie auch taeglich angerufen, wenn sie das nicht so wieso schon selber gemacht hatten. Sie hatten uns auch angeboten, notwendige Sachen wie Wasser oder anderes zuzuschicken, aber wir waren zumindest in der noch halbwegs gluecklichen Lage, dass wir Wasser und Notfallessen hatten und dann vom Gefaengnis auch ausreichend bekamen. Maennle hatte schon seit Ewigkeiten 12l Trinkwasser und Notfallessen eingelagert. Auch wenn ich nie was dazu gesagt hatte, so hatte ich doch nie wirklich gedacht, dass so viel wirklich notwendig war, und es doch etwas zu viel des Guten ist. Aber um so froher war ich doch, dass wir es hatten.

Sie haetten auch ekF nach Tokyo geholt, nur das Problem war, dass sowohl der Flughafen durch die Naehe zum Epizentrum nicht benutzbar war und selbst der Shinkansen durch die Entgleisung und notwenige Ueberpruefung eine Woche nicht fuhr. Dito der Ueberlandbus nach Fukuoka. Und die Autobahn ist stellenweise voellig gesperrt und die Landstrassen sind so voll, dass die Bekannten und Freunde von mir, die es aus irgendwelche Gruenden doch mal probiert haben, ganze 5 Stunden fuer die Strecke brauchten, die sonst nur 1,5 h dauert. Das war einfach keine Option fuer uns. Und jetzt besteht auch kein wirklicher Grund, sie aus Kyushu zu evakuieren, weil das einzige Problem, dass eine kleine Finnin hat, Langeweile ist. Ihre Freunde haben keine Zeit, und Laeden, Spielzentren oder Kinos sind nicht geoeffnet.

Jetzt bleibt nur zu hoffen und zu beten, dass die restliche Energie, die noch in der Erde verblieben ist, durch die „kleineren“ Nachbeben vom Wackelgrad 3-4 auf der Skala von 1-7 abgegeben werden kann.

Erdbeben in Kumamoto

Erdbeben in Kumamoto 2

Erdbeben in Kumamoto 3

In dem Sinne liebe Gruesse

 

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6 Kommentare zu “Leben mit Erdbeben

  1. Danke für den ausführlichen Bericht. Ihr seid wohlauf, bei allem Ungemach und der noch zu erledigenden Aufräumarbeiten und finanziellen Verluste. Das ist das Wichtigste. Ich bin schon ganz aufgeregt wegen unserer demnächst anstehenden Japanreise.
    Beste Gruesse vom letzten Urlaubstag auf La Reunion.
    Der die Bratze

  2. Oh , es ist gut, von euch zu hören
    Hatte leider deine Email nicht mehr um nachzufragen. Hätte euch gerne hier aufgenommen, aber wenn ihr keine Infrastruktur habt, nützt das ganze Angebot ja nix
    Also ganz liebe Grüße
    Und haltet durch!

  3. Ich komme erst jetzt dazu, Deine berichte mal in Ruhe zu lesen.
    Zwischenzeitlich haben wir Nachricht von Katrin aus Hiroshima erhalten und uns nun entschlossen, auf der Japanreise nicht nach Kyushu zu kommen. Katrin riet davon ab, weil die Infrastruktur noch nicht wirklich wieder funktioniert. Und Katastrophentourismus liegt mir nicht.
    (Ich sehe gerade, dass Matze ganz oben schon aus La Reunion kommentiert hat. Klasse. Wusste gar nicht, dass er hier mitliest. )

  4. Also nichts gegen Katrin, aber ihre Einschaetzung ist voellige unrealistische Uebertreibung. Ja, wenn du dir jetzt Mashiki anschauen gehen wuerdest, waere ich da jetzt auch nicht so begeistert davon, aber selbst in Kumamoto Stadt selber ist das Leben schon wieder ziemlich im normalen Bereich. Und solltest du in Nishiyama-mura essen gehen wollen, waeren die Leute wahrscheinlich eher erleichtert, dass wieder einmal ein Taler in ihre Kasse rollt.

    Und wenn du jetzt „nur“ nach Fukuoka oder Nagasaki oder Oita (von Yufuin mal abgesehen) / Miyazaki/Kagoshima fahren wuerdest (Saga kennt ja so wieso keiner), dann wuerdest nur nicht einmal sehen, dass es ueberhaupt ein Erdbeben gegeben hat. Die Kyushu Shinkansen und JR Zuege fahren auch wieder nach Plan, die Ueberlandbusse in die verschiedensten Staedte haben auch ihren Service wieder aufgenommen, und selbst Kumamoto Flughafen wird wieder genutzt, auch wenn, so weit ich weiss, er gegenwaertig hauptsaechlich fuer offizielle Zwecke genutzt wird.

    Ja, es wird viel Zeit vergehen, bis man vom Erdbeben nichts mehr sehen wird, aber das heisst ja nicht, das Kumamoto Stadt, vom ganzen Rest von Kyushu mal ganz zu schweigen, keinen Besuch mehr wert ist oder das gar Katastrophentourismus geleistet wird. Im Gegenteil, man sollte lieber mehr Touristen kommen lassen, weil genau das Kyushu helfen wuerde. Solche Panikmache schadet echt nur!

  5. Pingback: Tag- und Nachtgleiche | Higanbanas Blog

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