Ereignisreiche Tage

Eine Kolllegin von mir hat sich bereiterklärt, als Model an der Kimonoshow meiner Sensei teilzunehmen. Daher musste ich sie zumindest einmal zu einer Anprobe mitnehmen. Ihre Wohnung ist aber am anderen Ende der Stadt, und durch den bescheidenen öffentlichen Verkehr zu später Stunde wäre sie erst halb 12 Uhr nachts zuhause gewesen. Daher bot ich ihr an, dass sie die Nacht bei uns schlafen könne sehr zur Begeisterung meiner Kinder.

Eigentlich hatten wir vor, am Folgetag zusammen zur Arbeit zu fahren. Leider hatte mich eine Erkältung so weit aus den Schuhen geworfen, so dass ich mich krankmelden musste. Und da meine Kollegin selbst ihren letzten Sommerferientag(!!!) genommen hatte und Göttergatte auch in der Stadt etwas hatte, ließen wir sie ausschlafen, bis sie dann mit ihm zusammen in die Stadt fuhr.

Für den Sonnabend erhielt ich eine Anfrage von meinem nun schon nicht mehr sooo kleinen blinden Freund (jetzt ein Abiturient an der Blindenschule in Oita), ob er uns nicht kurz besuchen könne, weil er am Sonntagmorgen eine Veranstaltung in einer der katholischen Kirchen hier in der Stadt hätte. Er hatte vor, irgendwo in einem Hotel zu übernachten, aber da bot ich ihm an, dass er das auch hier machen könne, vor allem, weil ich so wieso für meine Kollegin ein Gästebett fertiggemacht hatte. Das nahm er natürlich gerne an.

Er erzählte mir mehr über seinen Berufswunsch, ein katholischer Priester zu werden. Er werde also jetzt 3 Jahre lang auf seiner Blindenschule in Oita die Masseurlizenz machen und dann … . Mal kurz stopmachen bitte! Warum denn das, wenn dein Berufswunsch etwas völlig anderes ist? Es stellte sich nach etwas Nachschlagen heraus, dass das Priesterseminar in Japan i.d.R. erst für Männer ab 22 Jahre offen steht. Und seine dä…jgjalhtgzhg Schule sah keine andere Möglichkeit, als ihn wieder in die Richtung zu drängen, in die sie ihn schon seit mindestens Klasse 4 zu drängen versucht: Masseur oder Moxer an der Schule zu lernen. Die gleiche Schule, die einem 6tklässler auch erzählt hat, dass Blinde nicht an regulären Unis in Japan studieren können. Ich könnte mich mal wieder über deren Inkompetenz und Engstirnigkeit völlig aufregen.

Seine katholische Kirche in Oita hatte meinem blinden Freund gefragt, warum er nicht für die Ausbildung nach Deutschland gehen würde. In dem Fall müsste er nicht erst 3 Jahre totschlagen, bevor er beginnen kann, seinen Traum zu verwirklichen. Ausserdem ist die Ausbildung in Deutschland viel intensiver, da man dort nach 7 Jahren inklusiver theoretischer und praktischer Ausbildung als Vollpfarrer eine Gemeinde übernehmen kann. In Japan geht das Priesterseminar nur über 3 Jahre. Für einen jungen Blinden, der sich jetzt zwar mehr als früher in den sehenden Welt aufhält, aber doch leider den Großteil seiner Zeit immer noch in der viel zu engen japanischen blinden Welt verbringen und daher einfach noch viel mehr lernen muss, sicher mehr als für andere notwendig, mehr Zeit für die Vorbereitung auf sein Amt zu haben.

Von den Voraussetzungen her dürfte mit einer persönlichen Empfehlung seiner Kirche ein Großteil der Bedingungen für die Aufnahme ins Priesterseminar erfüllt sein. Sein Abitur hat er ja auch, und für die Teilnahme am Center-shiken, der zentralen Aufnahmeprüfung für die Uni ist es auch noch nicht zu spät. Die größte Hürde wird noch die Sprache sein, aber wenn er sich anstrengt, dürfte er das leichter schaffen als jemand, der in Japan studieren möchte.

Als andere Alternative, wenn das mit dem Priesterseminar in Deutschland wirklich nicht gehen sollte, hatte ich ihm vorgeschlagen, dass er sich dann lieber mal in der Kirche umhören sollte, ob es dort nicht geeignete Projekte in Vorbereitung auf seine Traumerfüllung gibt, als sich denn 3 Jahre als mit etwas zu beschäftigen, dass ihn nicht interessiert, Geld kostet und letzten Endes doch nicht mehr als reines Totschlagen von Zeit ist. Mal sehen, wofür er sich entscheidet.

Die Tochter meiner hochschwangeren Exkollegin wollte gerne wieder mit meinen Kindern spielen, und da ich meiner Freundin vor der Geburt ihrer Tochter noch einmal einen ruhigen Tag gönnen wollte, hatte ich sie für den Sonntag eingeladen. Es war somit ein fließender Übergang: einen kleinen großen Blinden in den Bus zur Kirche gesetzt und dem Busfahrer noch einmal um Hilfe beim Aussteigen gebeten, um dann eine kleine große Erstklässlerin in Empfang zu nehmen.

Eigentlich hatte ich vor, Mittagessen zu kochen, aber da meine Freundin extra für das Mittagessen Geld mitgegeben hatte, setzte ich also doch meine 4 Kinder ins Auto und fuhr zu dem Inder in der Nähe unseres früheren Hauses. Eine kleine Finnin und die 3 Grundschulfreunde waren hochauf begeistert und bestellten und aßen mit viel Appetit ihr Curry auf.

Da der Parkplatz vor dem Inder voll war, und der gemeinsam genutzte Parkplatz daneben wegen einer Beerdigungsfeier voll belegt war, beschloss ich illegalerweise, doch mal kurz den Parkplatz eines Möbelhauses in der Nähe auszuborgen. Um dem Ganzen etwas Sinn zu geben, auch wenn in Japan doch weniger geschimpft wird, als ich das von Deutschland her kenne, und natürlich auch zur Vermehrung von Erfahrungen von kleinen Schülern und ATS, nahm ich die 4 Kinder mit in den Laden und schaute mit ihnen Möbel an. Am Ende fand eine Schulschreibtischmappe mit unserem Sonnensystem und der Milchstraße Gefallen vor unseren Augen, und wir ließen Geld im Laden, besonders weil uns die kleine große Tochter meiner Freundin ganz begeistert erzählte, dass sie die gleiche habe und sie im Dunklen leuchte.

Nach dem Kauf und der Fahrt nach Hause war das Gros des Nachmittags schon vorbei, und viel zu früh kam der Anruf meiner Freundin, dass sie ihre Tochter wieder abholen würde. Mit viel Traurigkeit in der Stimme verabschiedeten sich die Kinder, versprachen sich allerdings auch im gleichen Atemzug, dass sie sich bald wieder treffen wollten. Und so war ein schöner Tag vorbei.

Nachtrag: Am Montag früh um 6 Uhr hatte ich eine Nachricht auf meinem Telefon, dass kurz nach Mittagnacht die kleine Schwester unseres kleinen großen Gastes geboren wurde.

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