Ariana Miyamoto

Eine Leserin hatte mich wegen Ariana Miyamoto gefragt, die weltweit dafuer beruehmt geworden ist, dass sie zur Miss Japan gekroehnt wurde, obwohl (?) ihr Vater kein gebuertiger Japaner, sondern ein auch noch farbiger (!!) US-Amerikaner ist. Dafuer hat sie und die Jury von einem Teil Japaner harsche Kritik einstecken muessen, wie sie jemanden nicht wirklich japanisch Aussehenden als Vertreter fuer Japan schicken koennen.

Das ist sehr schade, aber leider nichts, was nur rein Japanisch ist. Das passiert jedes Mal, wenn man festgefahrene Vorstellungen hat, wie etwas auszusehen hat oder zu sein hat, ohne Varianten als Vollwertiges und Legitimes anzuerkennen. Ich wage nur an den WYS-Franzosen zu erinnern, der uns im Sommer 2011 angeboten wurde, und der voellig entsetzt war, dass er zu einer (O-ton) „unjapanischen Familie“ muss, weil die Mutter keine geborene Japanerin ist. Oder das Entsetzen von ATS, wenn sie hoeren, dass sie auf eine christliche Schule gehen muessen, ist genau das gleiche Gefuehl, weil Japan eben nicht automatisch mit Christentum verbunden wird.

Ich kann sogar etwas das Gefuehl der Leute verstehen, die mit Frau Miyamoto auf eine Schule gehen, auch wenn ich es natuerlich absolut nicht gut heisse. Ich bin in einer kleinen Provinzstadt aufgewachsen, in der Auslaender auf eine Handvoll sehr fleissige, aber sehr zurueckgezogen lebende Vietnamesen begrenzt waren. Und ein paar Afroafrikaner, die sich echt unmoeglich auffuehrten (z.B. meine Freundin und mich (beide damals 13) anmachten und sich nicht abschuetteln liessen, dass wir irgendwann panisch und vor lauter Angst fluechteten) und dementsprechend extrem schlecht angesehen waren. So weit war das kein Problem im taeglichen Leben, nur gab es da einen Jungen, dessen Vater geplant oder ungeplant ein Afroafrikaner war und der natuerlich in meiner homogenen Stadt auffiel wie ein bunter Hund. Dazu noch das ueble Image der Afrikaner in der Stadt vielleicht auch gepaart mit einen traditionellen Gefuehl der Ueberlegenheit, dass Neger gefaelligst ihre Haende von weissen Frauen zu lassen haben, und so hatte ich als Kind oftmals eher mehr als weniger unschoene Kommentare ueber den Jungen hoeren muessen. Und wenn ich daran denke, wie grausam Kinder sein koennen, wird der Junge bestimmt keine leichte Kindheit gehabt haben. Auf den Nagel, der heraussticht, wird auch in Deutschland gerne mal draufgeschlagen.

Und aus meiner eigenen Erfahrung heraus muss ich sagen, dass voellig anders aussehende Mitschueler ploetzlich als voellig gleich aufzunehmen auch leichter gesagt ist als getan. Auf meinen 2 Schulen vor meinem ATJ gab es keine aeusserlich anders aussehenden Schueler, die eine HAFU (Mischling) in meiner Klasse hatte eine ungarische Mutter, so dass wir sie zwar fuer ihre Faehigkeit, eine andere Sprache gut zu sprechen, bewunderten, aber sonst im Schulleben kaum darueber nachdachten. Und dann komme ich auf eine Schule in Daenemark, wo es 8 aus Suedkorea (7) und Indien (1) adoptierte Daenen gab. (Und mein einer Gastneffe war auch ein Waisenkind aus Suedkorea.) Ich wollte es nicht, ich schaemte mich dafuer, aber wenn einer dieser Mitschueler an mir voranging, konnte ich nicht anders, als ihn oder sie anzustarren. Und zwar mit offenem Mund!!! Nicht, dass ich ihnen irgendwas getan haette und abfaellig ueber sie dachte, aber sie hatten doch etwas gruengefleckten Marsmenschenstatus fuer mich. Das dauerte ca. 3 Monate, bis ich mich ertappte, dass es mir voellig egal geworden war und ich mich an ihre Anwesenheit gewoehnt hatte. Insofern darf man auch nicht zuuuuuu hart ueber Japaner urteilen, Europaeern wuerde es da schnell genau so gehen.

Und in Japan ist die Lehre, was das Land eins macht, und Gruppisierungen ein wichtiger Bestandteil der japanischen Erziehung und Gemeinbildung. XXX to ieba, YYY desu.  (Apropos XXX, YYY ist ja ein Fakt.) Jungs sind draufgaengerisch und wild, aber Maedchen sind ruhig und lieb. Alle Tokyoter sagen ARIGATOU (danke), aber alle Osakaer sagen MAIDO (danke). Dazu lehren z.B. Geographielehrbuecher oder Fernsehsendungen Stereotypen ueber andere Laender auf der Basis von Statistiken (Alle Deutschen trinken jeden Tag viel Bier und nichts anderes.=> siehe den jaehrlichen Bierverbrauch 107 l pro Kopf und Jahr) oder individueller und dann verallgemeinisierten Erfahrungen (In Deutschland gibt es nicht nur einen roten, sondern auch einen schwarzgekleideten Weihnachtsmann. Und in Kleidungsgeschaeften stehen Hightech-Spiegel, die zu kaufende Kleidung auf das Spiegelbild der Kunden projezieren, dass man gleich sehen kann, wie einem das Kleidungsstueck steht.). Und der Mitsubishinormalverbraucher glaubt das dann ohne den leisesten Zweifel, man faehrt halt zu selten ins Ausland und macht sich eigene Bilder und hinterfragt offizielle Aussagen zu selten.

Dazu dann gibt es noch einen erstaunlichen Anteil von existierendem … wie kann man das nennen … Aberglauben? Irrglauben? Urban legends? der Marke „Essig macht einen gelenkig.“ im Japan des 21. Jh., und mich verwundert nicht, was Frau Miyamoto ueber ihre Kindheit erzaehlt, dass Leute sich ihre Hautfarbe durch unwissenschaftliche Gruende erklaerten und sogar befuerchteten, es koennte wie ein Hautausschlag ansteckend sein.

Dagegen gibt es aber auch eine wenn auch kleine, aber – in vielen Bedeutungen – bedauernswerte Minderheit, die echte Rassisten sind. Ich wurde in meinem 1. Jahr von einem aelteren Ehepaar eingeladen. Die Frau wirkte sehr nett und lieb, aber die Kommentare des Mannes machten mich einfach sprachlos. Er fing an, internationale Ehen stark zu kritisieren. Als ich nach dem Grund fragte, meinte er, dass die Kinder aus diesen Beziehungen ja verschmutztes Blut haetten, weil das gute japanische Blut dann nicht mehr rein waere. Wtf!!! Der einzige Grund, warum ich damals nichts zu der Sache sagte, war, dass mein aktives Japanisch einfach nicht gut genug zum Diskutieren war. Ich glaube zwar nicht, dass der Mann noch am Leben ist, aber wenn, dann wuerde ich ihn gerne mal fragen, ob er meine Kinder auch als verschmutzt bezeichnen wuerde.

Dagegen muss man aber auch sagen, dass es eine grosse Masse in Japan gibt, die die Miss Japan Wahl schlichtweg periphaer tangiert und denen es auch voellig piepsegal ist, ob der Vater nun auch Vollblutjapaner war oder nicht. Daher darf man die Wahl oder besser die Kritik an der Wahl auch wiederum nicht sooo hoch bewerten, wie die Medien sie hochspielen.

Allerdings muss Japan und der Mitsubishinormalverbraucher lernen, sein Image, dass ein Nichtstandardgesicht automatisch Auslaender bedeutet, einfach ueberwinden. Es ist fuer das Gros der Leute einfach noch nicht vorstellbar, dass Kultur nicht an die DNA gebunden ist (Es war ein Schock zu sehen, dass sich  selbst reinrassige (!!!!!!!!!) Japaner der 2. Generation aus Suedamerika nicht einfach so in Japan eingliedern liessen und ein Grossteil nach dem Lehman-Schock wieder zurueckgeschickt wurden.), sondern allein eine Frage von Erziehung ist. Wie schlimm es aber ist, haengt auch von der Umgebung ab. Ich kann mich nicht sehr beklagen, dass ich staendig wie ein Auslaender behandelt und z.B. staendig auf Englisch angesprochen werde. Dagegen passierte mir das in Osaka staendig. Meine Kinder werden manchmal gefragt, ob sie denn Japanisch verstehen wuerden. Wenn ich dann antworte, dass sie hier aufgewachsen sind und neben Japanisch nur den oertlichen Dialekt sprechen, hat sich die Sache fuer das Gros der Leute erledigt. Meine Tochter ist einmal von Kindern in der Grundschule mit „Gaijin“ (Auslaender) bzw. „Haafu“ (Mischling) gehaenselt wurden, worden, wobei die Schule dann konsequent durchgriff, das Problem auf den Tisch brachte und die Sache im Gespraech mit den Eltern und deren Kindern klaerte. Seitdem hat sich die Sache nicht wiederholt. Ich bin im Soehnles Kindergarten ganz am Anfang mal gefragt worden, ob er Japanisch spricht oder ob die eine Lehrerin mit Auslandserfahrung denn lieber Englisch mit ihm reden solle. Als ich erwaehnte, dass meine Kinder Deutsch nur sehr bedingt sprechen und Japanisch ihre erste Sprache ist, hatte sich die Sache ein fuer alle Mal erledigt. Es gibt also nicht wirklich viel, worueber ich mich beklagen koennte. Es bleibt abzuwarten, wie sich das Ganze dann noch weiterentwickeln wird, aber bis jetzt weiss ich nicht, ob es meinen Kindern in Deutschland wesentlich anders oder gar besser ergangen waere.

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Ein Kommentar zu “Ariana Miyamoto

  1. … vielen Dank! Über die neue Miss Japan ist in Deutschland in vielen Medien berichtet worden. Dein Gespräch mit dem erwähnten alten Mann kannte ich aus einem anderen Zusammenhang – gruselig! Gut, wie Du schreibst, unsere Kulturen sind nicht von einem abgegrenzten Genpool abhängig. LG Bernd

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