Besuch in der Schule und bei Gastfamilien

Die ganze Woche fragte nicht nur ich mich, ob die geplanten Schulbesuche am Freitag durchgefuehrt werden koennten. Es zog naemlich ein sehr starker, uebergrosser Taifun sehr bedrohlich auf unsere Stadt zu, so dass ich bis Freitagmittag nicht wirklich wusste, ob ich 2 Stunden frueher aufhoeren sollte zu arbeiten oder ob ich mir das Nehmen von Urlaub sparen koennte. (Flexzeit ist hier ein Fremdwort, nicht dass man irgendwie mal Stunden verlagern darf… .)

Zu meiner grossen Freude hatte sich aber der Taifun so weit abgeschwaecht, dass er keinerlei nennenswerten Behinderungen in unserer Stadt oder fuer Fluege von und nach Tokyo bedeutete. Ich traf leider etwas verspaetet an der Schule an, wo ich dann aber zu meiner grossen Ueberraschung hoeren sollte, dass die Leiterin von WYS noch nicht angekommen sei. Ich wurde erst einmal in das Beratungszimmer der Schule gefuehrt, wo ich mich mit der zukuenftigen Klassenleiterin von J. unterhalten konnte, bis dann auch Frau N. eintrudelte.

Ich war mehr als erfreut zu hoeren, dass auch J. wie M. das Jahr zuvor in eine Normalkursklasse kommen wuerde. D.h. eine Klasse mit der ganzen Bandbreite von Faechern und nicht nur Englisch in fuer Deutsche Anfaengerniveau, sondern auch eine Klasse, die nieeeee damit gerechnet haette, dass sie je eine ATS bekommen koennten, und daher keine Erwartungshaltung mit den ueblichen Stereotypen hat und von denen die wenigsten Englisch sprechen „koennen“, ja nicht einmal Interesse an Englisch haben. D.h., die Kommunikation wird nur auf Japanisch funktionieren, was natuerlich um so wichtiger ist, wenn man zuhause auch andere Moeglichkeiten hat zu sprechen und so vielleicht die Motivation sinken koennte, etwas fuer sein Japanisch zu tun.

Die Klassenleiterin ist auch Englischlehrerin, aber sie schien weder die ueblichen festgefahrenen Vorstellungen in Bezug auf die Auslaenderbehandlung zu haben. Noch wirkte sie so extrem unsicher, wie das viele Japaner haben, die wenig bis nie je mit Auslaendern zu tun hatten. Das kann ja nur positiv sein.

In vielen Sachen kann J. mit aehnlichen Sachen rechnen wie M. es erlebt hatte. Ich habe auch gleich Geographie anstelle von japanischer Geschichte gewaehlt, weil sie dort eher eine Chance hat mitzukommen als bei jap. Geschichte, wo sie von unbekannten Kanji regelrecht erschlagen wird. Der groesste Unterschied wird wohl noch sein, dass sie in eine Klasse kommt, wo ca. 50% Maedchen und 50% Jungen sind. Das erste Mal in unserer Aufnahmekarriere. Und J. wird auch die Moeglichkeit haben, an der Klassenfahrt nach Nagano teilzunehmen, obwohl sie dann mit einer 1. Klasse zusammen fahren muss.

Grossartig viel Neues brachte mir der Schulbesuch nicht, aber es war schoen, die Klassenleiterin kennen zu lernen und die offenen Fragen beantwortet zu bekommen.

Frau N. hatte sich erkaeltet, so dass sie auf eine Uebernachtung bei uns verzichtete, obwohl sie am naechsten Morgen zum gleichen Ort wieder zurueckmusste und die Uebernachtung sicherlich die bequemere Sache fuer alle gewesen waere.

Jedenfalls nahm ich am Sonnabendvormittag an der Gastfamilienorientierung fuer die Gastfamilie des franzoesischen Maedchens teil, da meine Freundin wollte, dass ich doch auch gerne komme. Es war interessant, ueber die Schule und alles zu hoeren. Allerdings wurde ich innerlich leichenblass, als ich so einige Regeln hoerte. Es ist ja richtig, dass ATS ihr Jahr und die wirklich kurze Zeit, die man mit der GF verbringen kann, nicht fuer Reisen durchs Land missbrauchen. Aber selbst Wochenendtrips mit der Familie zusammen muessen angemeldet und genehmigt werden. Das heisst, wir als GF duerften mindestens 3 Mal die Reiseregel gebrochen haben.

Ich dachte bis jetzt auch immer, dass der Hauptgrund fuer die Zulassung von ausschliesslich Prepaid-Telefonen ist, dass der ATS seine Gebuehren besser kontrollieren kann und die Gastfamilie von jeglichen finanziellen Pflichten und daraus resultierenden boesen Ueberraschungen gefeit ist. Von dem Aerger, aus einem 2- bis 3-Jahre Vertrag vorzeitig auszusteigen mal voellig zu schweigen. Aber nein, der Hauptgrund sei wohl, dass man mit Prepaid-Telefonen nicht ins Internet kann und so nicht auf irgendwelchen Seiten seine zukuenftigen Vergewaltiger und/oder Moerder treffen kann. Das man Smartphones aber auch toll zum Lernen benutzen kann und alles eine Frage von der Einstellung ist, wird dabei voellig uebersehen. Es wird hier in Japan einfach alles verteufelt, anstelle Kindern und Jugendlichen einen richtigen und verantwortungsvollen Umgang mit Medien oder auch anderen Sachen beizubringen.

Mich hat auch ehrlich gesagt etwas die Einstellung zum Bentomachen schockiert. Ich unterschreibe voll und ganz, dass man Gastfamilien nicht zu sehr belasten moechte. Aber die Einstellung „Entweder machst du dir dein Bento selber! Oder aber du machst dir ein Onigiri, schmierst dir eine Schnitte oder kaufst dir was im Schulkiosk.“ ist einfach in der Extremform, wie sie praesentiert wurde, unakzeptabel. Wie in aller Welt soll sich jemand etwas machen, was man nicht kennt? Ich bezweifle sehr, dass CHARABENs in Frankreich so normal geworden sind, dass einjeder so etwas schon einmal gemacht hat und weiss, wie man Bentos selber baut. Und klar, Onigiris  sind einfach zu machen, wenn man weiss, wie, aber ich kann mich an eine junge deutsche Frau erinnern, die in ihrer Ignoranz anstelle von Umeboshis (eingelegte japanische Pflaumenpickels) auf die Pflaumen aus dem Pflaumenwein zurueckgriff und Onigiri herstellte. Und ja, sich selber Sandwiches zu machen duerften die allermeisten Europaeer koennen, aber leider hat das japanische Brot ein grosses Problem: Es besteht aus so viel Luft, das es ungelogen Null Substanz hat und selbst mit einen Sandwich aus 2 mal 1 cm Scheiben, wie das hier ueblich ist, einem nach spaetestens 3 h der Magen in den Kniekehlen haengt. Wer dann mit dem Teil von 12 Uhr bis vielleicht 18.30 Uhr oder noch spaeter durchhalten soll, der kann einem nur leid tun. Und was die 3. Option betrifft, sich taeglich sein Mittag im Schulkiosk zu kaufen, angeht, ich muss erst noch DEN Schulkiosk sehen, der Ausgewogenes, als Mittagessen Geeignetes anbietet. Das Meiste geht doch nur in Richtung suesser Snack, und von den dabei anfallenden Kosten dafuer wollen wir erst einmal gar nicht reden.

Da man von unserer Gegend nur echt besch…eiden zum Wohnort der 3. Gastfamilie, die extra sagte, sie wollen mich unbedingt kennen lernen, kommt, fuhr ich Frau N. bis dorthin, wo ich mir dann noch einmal die Gastfamilienorientierung bei einer absolut nett wirkenden Familie anhoerte. Die Schwedin kann sich wirklich gluecklich schaetzen, dass sie zu dieser Familie kommt. Der Vater lud uns und auch die Familie meiner Freundin zu einer Party ein, um uns alle kennen zu lernen. Und im Gegensatz zu vielen Japanern (Gerne, irgendwann einmal!!! => niemals) machte er auch gleich Naegel mit Koepfen und lud uns fuer den 10. August ein. Und zum grossen Schock von Frau N. machte die Gastmutter auch gleich mal das, was sie fuer eine der schlimmsten Suenden ueberhaupt haelt: Wir wurden Line-Freunde, wo ich auch gleich noch meine Freundin hinzufuegte, so dass wir 3 uns ueber offene Fragen unterhalten konnten.

Unsere erste groessere Unterhaltung ging dann auch ueber das Thema Mittagessen, wo ich ihnen auch sagte, dass sie zwar gerne das heere Ziel vom Bentoselbermachen anstreben sollen, aber vorher leider doch erst einmal die einfache Tatsache auf dem Tisch steht, den ATS beizubringen, WIE sie sich mit vorliegenden Zutaten realitaetsnahe Obentos selber machen koennen. Bei der Gelegenheit konnte ich auch gleich mal mit so einigen Vorurteilen aufraeumen, was Auslaender bekanntlicherweise ja nie essen. Sie waren ja voellig ueberrascht, ja sogar schockiert zu hoeren, dass eine unserer ATS Umeboshis und M. Takana liebte. Und jeder einzelne unserer ATS war ein grosser Fan von Takuan / Takuwan. Dabei ist es doch Common Knowledge in Japan, dass Auslaender natuerlich japanische Pickles nicht essen. Und sie wollten auch nicht gleich glauben, dass das Gros der Auslaender durchaus kein Problem mit hausueblichen japanischem Essen hat, solange es nicht allzu grotesk wie z.B. Kabuto-ni aussieht. Dabei ist der Geschmack von letzterem auch eher kein Problem, und unsere ATS hatten es auch durchaus gerne gegessen, wenn man ihnen das Fleisch extra servierte. Letzten Endes hatte unsere Unterhaltung dazu gefuehrt, dass sie einfach abwarten wollen, wie die ATS auf verschiedene Geschmaecker reagieren und nicht einfach schon vorneweg entscheiden, was sie nicht zu moegen haben und was doch. Und das alles dank dem boesen, gefaehrlichen Line…

Jetzt bin ich mal gespannt, wie dieses Jahr verlaufen wird, wo man mal die Chance hat, sich mit anderen Gastfamilien auszutauschen. Etwas, was ich bei den ATS bisher immer schmerzlich vermisst habe.

 

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