Bewerbungen, die 2.

Meine erste Bewerbung (Vorstellungsgespraech) lief leider in die Hose, auch wenn die Gespraeche auf Englisch und Japanisch mit den meisten Teilnehmern sehr nett war. Nur ein Professor war sichtlich negativ eingestellt, und egal, was ich sagte und wie sehr und wie unmissverstaendlich ihm seine Fragen zu beantworten suchte, konnte ich ihn sichtlich nicht befriedigen. Daher ging ich auch mit dem Gefuehl nach Hause, dass ich mich wieder aufs Bewerbungenschreiben stuetzen muesse. Allerdings erhielt ich zu meinem grossen Erstaunen einen Anruf von dem Verantwortlichen, in dem er sich ehrlich entschuldigte, dass sie sich fuer jemand anderen entschieden hatten, und mich bat, meine Unterlagen behalten zu duerfen, damit er sich auch anderen Abteilungen vorlegen koenne. Ich war ziemlich erstaunt, denn mir wurde unmissverstaendlich zu Beginn des Gespraeches mitgeteilt, dass nur die ausgewaehlte Person einen Anruf bekommen wuerde und alle anderen ihre Unterlagen zurueckgeschickt bekommen wuerden.

Es hatte mich sehr gefreut, aber man will ja nun nicht alles auf ein Pferd setzen, so dass ich mich daran setzte, weitere 4 Bewerbungen zu schreiben. Zwei davon meldeten sich auch ziemlich schnell und luden mich zum Interview ein. Eine wollte ein schriftliches Examen („Leichtes Oberschulwissen“) verantstalten, fuer dass ich auch eine Woche lang japanische Mathe lernte, weil hier ohne Taschenrechner bis zum Abi gearbeitet wird und die Schueler viele Techniken lernen muessen, wie sie das im Kopf oder auf dem Papier ausrechnen. Nur die, wo ich dachte, dass ich vielleicht die besten Chancen haette, weil die Arbeit sehr viel Englisch umfasste, wollte und wollte sich nicht melden.

Am Sonntag ging ich zum Examen und musste feststellen, dass sich noch 11 andere auf die 2 Stellen beworben hatten. Und als ich die Aufgaben sah, wurde ich ehrlich gesagt etwas sehr bleich, weil da nichts mit „einfachen Aufgaben und Allgemeinwissen“ war, wie eine Teilnehmerin erzaehlte, die den gleichen Test vor 3 Monaten wohl gemacht hatte. Ich setzte mich also hin und machte das, was ich konnte, aber mehr als 50% der Punkte waren das definitiv nicht geworden. Eher weniger. Also konnte ich die Sache gleich abhaken.

Voellig geknickt ging ich an dem Tag nach Hause und meine Erwartungen fuer das Gespraech am Folgetag sanken noch weiter. Es war auch die Stelle, wo ich dachte, dass ich im Vergleich zu Japanern die schlechtesten Chancen haette, weil fuer die Stelle hauptsaechlich Verwaltung auf Japanisch ausgeschrieben war. 30 min vor dem Gespraech kam ich dort dann am Montag an, und dann sank mein Herz noch weiter, als ich gesagt bekam, dass ich erst um 14.00 Uhr erwartet worden waere. Ach du schoene Sch__sse, ich habe die Zeiten mit dem Interview am Mittwoch vertauscht. Dann kann ich ja die Sache gleich vergessen.

Zu meinem Erstaunen sagte mir die Dame, dass ich kurz warten sollte, und keine 5 min spaeter fuehrte sie mich in ein Zimmer, wo ich mit einem Professor reden sollte. Er wirkte sehr interessiert und war auch nicht weiter irritiert, als ich meine Kinder erwaehnte. Alles andere als eine Selbstverstaendlichkeit in Kyuushuu. Zu meinem Erstauen erzaehlte er mir, dass mein Arbeitsfeld, so ich denn angestellt werde, weniger das Schreiben von japanischen Briefen, sondern viel mehr die Korrektur von und Hilfe bei der Erstellung von englischsprachigen medizinischen Abhandlungen und Praesentationen fuer Seminare umfassen solle. Wie genial ist denn das? Ich kann endlich mal wieder Englisch auf hohem Niveau benutzen und dabei extrem viel ueber das Forschungsgebiet lernen. Es interessiert mich auch sehr, weil genau das die Todesursache meiner Gastmama war.

Der Professor hatte mich gefragt, ob es denn nicht auch finanziell besser waere, wenn ich Englisch unterrichten wuerde. Oberflaechlich gesehen schon, weil der Bruttostundenlohn fuer Einzel- und Gruppenunterricht schnell mal 3 Mal so hoch oder gar hoeher ist. Aber dazu kommt ja noch Vor- und Nachbereitungszeit und eventuell auch Fahrtweg mit den entsprechenden Kosten. Und darueber hinaus liegt das Gros des Unterrichts am Abend, und dieses Mal haette ich keine Chefin, die auf meine Kinder in der Zeit aufpassen wuerde, sondern koennte mir hoechstens einen staedtischen Babysitter holen, der auch nicht billig ist. Die Arbeit meines Mannes wuerde ihm naemlich nicht immer erlauben, dass er sich abends um die Kinder kuemmern kann.

Und was ich persoenlich am langweiligsten finde, ist, dass die allerwenigsten Leute dann doch soviel getan haben oder tun wollen, dass sie ueber das Niveau „A coffee, please!“ hinauskommen. Ich kann jetzt gut meine Gitarrenlehrerin und ihr Genugtuung verstehen, wenn sie unter allen Schuelern doch mal jemanden hatte, der ueber ein unteres mittleres Niveau hinauskam, so dass man wirklich was mit ihm machen konnte. Es ist so toll, wenn man Schueler so weit bekommen hat, dass man sich mit ihnen unterhalten kann und interessantere, schwierigere Themen in Angriff nehmen kann. Leider waren das unter allen Schuelern, die ich hatte, nur genau 2.

Daher ist die Aussicht, dass ich endlich mal wieder Englisch auf Universitaetsniveau benutzen kann, einfach nur toll. Und je laenger das Gespraech lief, umsomehr wollte ich genau diese Stelle haben.

Dann geschah das Unglaubliche: Der Professor sagte mir, dass er mich gerne anstellen wuerde. Ich war ja wie aus dem Haeuschen. Ein paar Dinge muss ich zwar noch vorbereiten, aber am dem 3. Juni wird es fuer mich ernst.

Und eine kleine interessante Sache ist auch passiert: Ich sagte hoeflicherweise dem Gespraech am Mittwoch (hauptsaechlich Abrechnung und Buchfuehrung), der Stelle, die sich in 14 Tagen nicht gemeldet hatte und der der mit dem katastrophalen Examen vom Sonntag ab. Und besonders die Verantwortliche der letzten Stelle war extrem negativ ueberrascht und sichtlich enttaeuscht. (?_?) Was hat das denn zu bedeuten? Sie hatten anscheinend mein mieses Testergebnis fuer gut genug befunden, dass ich mich echt zum Gespraech einladen wollten. Und nach der Enttaeuschung zu urteilen, eine Anstellung auch nicht wirklich ausgeschlossen hatten.

 

 

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2 Kommentare zu “Bewerbungen, die 2.

  1. Hallihallo 🙂 Da habe ich ja jetzt erst so richtig registriert, das unsere liebe Bloggerin in das japanische Arbeitsleben eintreten wird! Was soll ich da sagen … die (medizinisch-)wissenschaftlichen Arbeiten, die von japanischen KollegInnen in englischer Sprache zur Publikation in Fachjournalen eingereicht werden, sind sprachlich wirklich häufig sehr holprig. Da wirst Du mit Deinen Englischkenntnissen sofort Verbesserungspotentiale entdecken. Du darfst natürlich dabei das *Fachchinesisch* nicht unterschätzen, denn es gibt in jedem wissenschaftlichen Feld unendlich viele termini technici und auch eine lange Geschichte, wie diese eingesetzt werden.

    Bin gespannt, wie es bei Dir läuft, und …

    ICH GRATULIERE DIR HIERMIT GANZ GANZ HERZLICH!!!

    Lg von Bernd

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