Lesen lernen

Ich zerbreche mir schon seit einer Zeit, oder sollte ich lieber Jahre sagen, den Kopf, wie ich Toechterchen Deutsch lesen beibringen konnte. Meine Eltern waren so nett, mir Buecher fuer in Deutschland aufgewachsene Kindergarten- und Erstklaessler zu schicken, aber dort werden zu viele Woerter vorausgesetzt, die sie einfach nicht kennt. Sprich, wenn man damit arbeitet, dann hat Toechterle viel mehr Probleme mit dem erwarteten Wortschatz als denn mit den auf der Seite eingefuehrten Buchstaben. Als Resultat hatte ich dann eine Schuelerin, die das Buch schnell genervt in die Ecke schmiss.

Es gibt durchaus einen Teil fuer japanische Kinder ausgelegte Buecher, die das Alphabet einfuehren, aber die sind ausschliesslich auf Englisch und dessen Einfuehrung ausgelegt. Nicht nur, dass sie davon auch die Woerter nicht kennt und sie mit ihren rudimentaeren Deutschkenntnissen auch noch Englisch lernen muss, sondern es verwirrt sie eher noch mehr, wieso denn „E“ eigentlich „I“ heisst, Mama aber „I“ „I“ nennt und andere nette Dinge. Von den vielen Ausnahmen in der Schreibung mal voellig abgesehen. Sprich auch nicht wirklich das, was ich mir vorgestellt hatte.

Waehrend des Spazierganges im Shopping-Centre nach dem Ganzkoerpercheck hatte ich zufaelligerweise das folgende Buch entdeckt:

Die Einfuehrung von Roomaji, sprich lateinischen Buchstaben, fuer 5-6-Jaehrige zum Schreiben von japanischen Woertern. Das Buch ist eigentlich als Vorbereitung aufs Englischlernen gedacht.  Damit aber die Kinder ein Gefuehl fuer die Denkweise bei Buchstaben, sprich jeder Buchstabe stellt einen Laut da, der dann zusammen mit anderen ausgesprochen werden muss, bekommen, fuehrt dieses Buch die Schreibung von Japanisch nach dem Hepburn-System ein. Das stellt japanische Woerter so da, wie lateinische Buchstaben die Aussprache darstellen wuerden. Sprich Japans beruehmtester Berg heisst dann auch Fuji und nicht Huzi. Oder ein Bahnhof frueher bei uns um die Ecke heisst dann Takajo und nicht Takazyo, wenn man die meiner bescheidenen Meinung nach sinnlose KUNREI-Schreibung benutzt. Die nimmt naemlich Kanalogik als Grundlage (gleicher Konsonant +aiueo), und auch wenn z.B. die T-reihe eigentlich ta, chi, tsu, te, to ausgesprochen wird (Hepburn-Schreibung), so bevorzugt das Unterrichtsministerium die Schreibung nach Kunrei, naemlich ta, ti, tu, te, to.

Im modernen Japanisch gibt es mittlerweile auch wirklich die Verbindungen TI und TU bei Fremdwoertern wie z.B. bei パーティー Party. Selbst das kann man nach Kunrei nicht mehr unterscheiden. Und fuer kleine Kinder wird das System noch unuebersichtlicher und unlogischer, weil sie Buchstaben nicht als Symbole fuer bestimmte Aussprachen empfinden, sondern einfach nur ziemlich sinnlos einen Konsonaten aus der waagerechten Reihe mit einem Vokal aus der senkrechten verbinden und das auswendig lernen. Fuer die Eingabe von ち(chi) muss ich halt t+i auf dem Computer tippen, ohne eine tiefere Logik dahinter zu sehen. Und wenn ich ein echtes TI wie in paatii (party) schreiben will, dann muss ich ein H einfuegen und dafuer „thi“ tippen, damit der Computer weiss, was gemeint ist. Dito dhi fuer ein echtes DI.

Das erklaert auch einen grossen Grund, warum japanische Schueler so uebelst schlecht in englischer Rechtschreibung sind, weil sie einfach die Aneinanderreihung von Buchstaben fuer eine Katakanaaussprache auswendig lernen, ohne darueber nachzudenken, was die Buchstaben eigentlich ausdruecken. Da kann natuerlich schnell mal aus „blue“ „bleu“ oder „bule“ werden. Vom Lesenkoennen der internationalen Lautschrift fuer korrekte Aussprachen mal voellig zu schweigen… .

Ich legte Toechterchen am Donnerstagabend das Heft vor, und mit Freude stuerzte sie sich darauf und fing an, die ersten Seiten zu machen. Das gleiche auch am Freitag und Sonnabend, auch wenn dann nur eine Seite gemacht wurde. Aber mit grosser Ueberzeugtheit und Freude erzaehlte mir Toechterle dann am Sonnabend, dass ja Ka + A = KA ausgesprochen wuerde. Wie lange hatte ich vorher versucht, ihr das beizubringen? Und es endete nur mit Frustrationen auf beiden Seiten. Jetzt bin ich mal gespannt, wie das Ganze so weitergeht.

Ein kleiner Nachtrag: Da ich wusste, dass Soehnle unendlich neidisch sein wuerde, bekam er sein eigenes Hiraganabuch fuer 3-5-jaehrige geschenkt.

Ich erwarte jetzt noch nicht, dass er mit gerade mal 4 Jahren schon schreiben kann oder koennen muss, so stark KYOUIKU-MAMA (Ausbildungsmama, die extrem viel Energie darein steckt, die Kinder zum Lernen anzutreiben) bin ich dann auch nicht, aber es ist schoen zu sehen, dass es ihm Spass macht, Hiragana zu malen. Und anscheinend hat er auch schon angefangen, sich die Form von einigen Silbensymbolen zu merken. Immer wieder kam ein Kommentar, dass das das Hiragana von xxx-chan oder von yyy-kun oder gar seinem Namen sei. Das freut einen natuerlich.

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2 Kommentare zu “Lesen lernen

  1. „Fuer die Eingabe von ち(chi) muss ich halt t+i auf dem Computer tippen, ohne eine tiefere Logik dahinter zu sehen. Und wenn ich ein echtes TI wie in paatii (party) schreiben will, dann muss ich ein H einfuegen und dafuer “thi” tippen, damit der Computer weiss, was gemeint ist. Dito dhi fuer ein echtes DI.“

    Also ich schreibt ち immer mit „c+h+i“ und „パーティー“ mit te+x+i ^^ …schon interessant.
    Aber die Tippweise mancher Konsonanten erklärt die oft seltsame Umschrift, z.b. bei allem, was mit „sh-“ zu tun hat. kann man ja sowohl – z.B. しょ – als „s+h+o“ oder „s+y+o“ tippen.

    Wie sieht es beim Deutsch lernen mit Kinderbüchern für 1. VS aus, bei denen ein ganz kleines Wortschatz vorausgesetzt wird und manche der Wörter als Bilderchen dastehen? Kennst du sowas?

  2. Naja, das T+i und s+yo kommt von der KUNREISHIKI, die in Klasse 4 in Grundschulen unterrichtet wird. Da nimmt man nicht die Lautwerte von Buchstaben, sondern Kanalogik als Grundlage. Und da lernen die Kinder den Kram nach Reihen und Spalten auswendig, ohne irgendeine Leselogik dahinter zu sehen: Nichts-Spalte, K-Spalte, S-Spalte, T-Spalte, und die werden dann mit A, I, U, E, O kombiniert. Und dann wird eben ち T-Spalte+i => ti. Das mit dem ティ ist ja eine relativ neue Erfindung, und da TI schon fuer ち besetzt war, musste man eine andere Moeglichkeit finden und kam auf Thi oder Texi. Und das s-yo ist in dem Zusammenhang auch nicht unlogisch, weil es das S aus der S-Spalte mit dem kleinen yo verbindet, also genau das, was man ja auch beim Kana-Schreiben macht: し+ょ=>しょ.

    Also wenn du eine Fibel meinst, falls du je an so etwas rankommen solltest, wuerde ich mich freuen. Meine Eltern waren zwar so lieb, mir Lernhefte fuer Klasse 1 und 2 zu schicken, aber das sind mehr Wiederholungs- und Uebungshefte zu dem, was man im Unterricht so wieso schon gelernt hat. Und selbst die Buecher „Deutsch als Fremdsprache fuer Kinder“ setzen anscheinend voraus, dass man lateinische Buchstaben schon lesen kann und bloss „umlernt“.

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