Treffen mit einem Saenger

Heute morgen versprach ich unserer J., dass ich ihr die eingescannten Dateien ihrer beiden Werke schickte. Und als ich auf meine Emailanbieterseite kam, fiel mir der Artikel „Warum hatte keiner gemerkt, dass Jimmy Savile einer der groessten Kinderschaender der U.K. sei?“  ins Auge. Nun, bei Kurt Demmler hatten das ja auch die wenigsten bzw. wurde das gerne verschwiegen.

Da unsere jetzt gerade 16-jaehrige ATS  noch nie etwas von einem Kurt Demmler gehoert hatte, bei seinem Freitod war sie auch gerademal 12 oder 13 Jahre, erzaehlte ich ihr von einem Treffen mit ihm, an das ich echt ueber Jahre hinweg nicht mehr gedacht hatte.

Meine Eltern waren Mitte der 80er Jahre einmal zu einem Konzert von ihm und erzaehlten ihm dann von ihrer Tochter, die sehr gut singt und Gitarre spielt. Er gab meinen Eltern daraufhin seine Kontaktadresse und lud mich ein, zum Vorsingen in sein Waldhaeuschen vorbeizukommen. Da Storkow nicht allzu weit von meinen Grosseltern wegwar, fuhren meine Eltern mit mir mal auf dem Rueckweg dort ran. Es muss entweder 1986 oder die erste Haelfte von 1987 gewesen sein, und ich war in der 6. Klasse.

Das Haus oder besser die Villa wirkten auf mich riesig und auch etwas einschuechternd. Kurt Demmler liess uns rein und hiess uns, auf einer dunklen Couch platznehmen, wo ich dann ein oder 2 Lieder vorsingen sollte. Waehrend dieser Zeit sah ich ein junges Maedchen vielleicht 1 oder 2 Jahre aelter als ich, nur mit einem Handtuch bekleidet durch den Garten huschen und dann irgendwo im Haus verschwinden. Ich weiss noch, dass ich ziemlich ueberrascht war und mich selber fragte, ob dass seine Tochter sei und wenn nicht, was sie dann da in diesem Zustand mache. Meine Eltern erwaehnten spaeter mal, dass sie sich wohl das Gleiche fragten. Ganz wohl war mir bei der Sache nicht, aber ich zwang mich, dem jetzt nicht groessere Bedeutung beizumessen.

Ich hatte kaum angefangen zu singen, als Kurt Demmler mir mehr oder weniger glasshart sagte, dass die Lieder, die ich saenge, nicht zu dem passen wuerden, was er machen und suchen wuerde. Worauf wir mehr oder weniger schnell wieder verabschiedet wurden und nach Hause fuhren.

Ich muss zugeben, dass ich von der Absage etwas enttaeuscht war, aber ich hatte nie mein Herz soo stark dareingesetzt, ganz zu schweigen, dass ich je bewusst Lieder von ihm gehoert hatte, als dass ich nicht ueber die Niederlage haette drueber hinwegkommen koennen. Danach hatte ich die Sache nahezu vergessen und auch seinen Namen in ueber 20 Jahren nur ne handvoll Male gehoert, bis meine Eltern mir zu meiner grossen Ueberraschung von der Gefangennahme wegen Kindesmissbrauchs erzaehlten. Ich hatte ehrlich gesagt nie etwas in dieser Richtung gehoert, nicht einmal irgendwelche Geruechte. Und als ich an das badetuchbekleidete Maedchen dachte, fiel nach so vielen Jahren endlich der Groschen und ich war sehr schockiert, wie dicht ich daran war, in eine aehnliche Lage zu kommen wie die misshandelten Maedchen. Was haette ich gemacht, wenn ich ihm damals bei dem Vorspielen gefallen haette? Haette ich mit 12 oder 13 den Mut gehabt, mich gegen ihn zu wehren? Ihm zu sagen, dass ich nicht unbedingt wie das Maedchen nackig durch das Haus rennen will? Oder haette ich vielleicht „harmlose Kuesse“ einfach so akzeptiert? Ueber mehr will ich auch gar nicht nachdenken. Im Nachhinein ist man immer klueger und kann schnell behaupten, dass ich bestimmt meine Sachen gepackt haette und nach Hause gekommen waere, wie sich meine Mutter jetzt so sicher ist. Ich bin es mir jedenfalls nicht… .

Ich dachte vor 3 Jahren, als mir meine Eltern von dem Selbstmord erzaehlten, dass er sich nur seiner Strafe entziehen will, so wie sich gerne mal Pleitemanager vor Zuege stuerzen als im Gefaengnis ihr Unrecht abzusitzen. Als ich aber heute so einiges nachlas, musste ich lernen, dass er manisch-depressiv gewesen sein soll. Sicher, eine Entschuldigung fuer irgendwelche Vergehen an kleinen Maedchen ist das nicht und soll es auch nicht werden, aber nicht sicher zu stellen, dass sich ein Mensch mit diesen psychischen Problemen nicht umbringen kann, ist auch ein Verbrechen. Im japanischen Gefaengnis wuerde das unter Fahrlaessigkeit der Beamten fallen und grosse Strafen fuer sie nachziehen. Und irgendwie musste ich auch etwas Mitleid mit ihm fuehlen, dass ich hoerte, dass nicht nur objektiv ueber den Verlauf der Untersuchung berichtet wurde, sondern eine regelrechte Hetzkampagne durchgefuehrt wurde. Das hat nun keiner verdient.

R.I.F und ich hoffe, dass deine Opfer dir verzeihen und trotzdem ein glueckliches Leben leben koennen.

http://www.freitag.de/autoren/der-freitag/prototyp-eines-alternden-wunderkinds

http://bombenlegenleichtgemacht.wordpress.com/2009/02/04/nachruf-auf-kurt-demmler-der-mann-der-die-kinder-zu-sehr-liebte/

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3 Kommentare zu “Treffen mit einem Saenger

  1. Hallo Higanbana,
    ich habe mich mal in Deinen post und die Querverweise eingelesen. Die von Dir beobachtete Szene im Garten ist richtig verdächtig. Aber wenn Du da als junge Frau und Bewerberin samt Eltern stehst, hast Du keine Chance den Zusammenhang herzustellen. Leider habe ich eigene Erfahrungen mit Missbrauch an schutzbefohlenen Kindern in einem kath. Internat, in dem ich eine Zeilang gearbeitet hatte. Da habe ich auch merkwürdige Szenen gesehen und Dinge gehört, hatte vllt einen ganz vagen Anfangsverdacht gegen den allmächtigen Leiter. Aber rausgekommen ist es erst kürzlich. Es war übrigens der Schwächste in der Schülergruppe, der die geringste Unterstützung durch Eltern und Freunde und den geringsten Selbstwert hatte, den es „getroffen“ hatte. Sei froh, das Du da sauber und frei rausgekommen bist. LG

  2. Hallo hier im Blog… ich habe einige deiner Blogpost gelesen und finde ihn cool! Wird es hier noch neue Beiträge geben. Weiter so und beste Grüße aus Garbsen bei Hannover

  3. Vielen Dank! Ich hoffe, du hast weiterhin Freude an meinem Miniblog. Und ja, es wird auch wieder Eintraege geben, auch wenn ich z.B. viel zu tun habe.

    Viele Gruesse aus Japan

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