Regen, Regen, Re~gen

Die gesamte letzte Woche brachte uns Regen. Und damit meine ich nicht das bisschen Nieselregen oder mal den gelegentlichen staerkeren Schauer ueber eine Stunde, an den Mitteleuropaeer gewoehnt sind, sondern tagelangen Regen mit STUENDLICHEN Niederschlaegen bis 120 ml. Nur zum Vergleich, die meisten deutschen Staedte haben nur ca. 700-800 mm pro JAHR. Der Donnerstag und Freitag waren die beiden schlimmsten Tage. Frueh brachte ich wegen des Regens meinen Mann zur Arbeit, und die Strasse fuehrt an einer Stelle direkt am oertlichen Fluss lang. Normalerweise liegt die Strasse 5 m ueber dem Fluss, aber zu der Zeit war der Fluss schon so angeschwollen, dass nur noch 10 cm Abstand war, bis der Fluss die Strasse ueberschwemmt haette. Wir beide dachten beide das Gleiche, und auf dem Rueckweg fuhr ich vorsichtigerweise eine andere Strasse nach Hause, die ich wegen der Enge absolut nicht ausstehen kann. In unserem Stadtteil zurueck war ich ueberrascht zu sehen, dass die Bushaltestellen und Strassenraender mit Autos vollgestellt waren. Erst dachte ich noch an illegales Parken aus Kostengruenden, aber spaeter am Vormittag viel mir ein, dass Autobesitzer dort ihre Autos in Sicherheit gestellt hatten, weil die gesamte Gegend dort ueberflutet wurde.

Den ganzen Tag lang flogen Helikopter an unserem Haus vorbei und landeten in 500 m Entfernung. Es war gruselig, sich vorzustellen, dass keine 500 m von unserem Haus Leute teilweise um ihr Leben kaempfen mussten.

Ich machte mir Sorgen, ob unsere ATS wirklich nach Hause kommen sollte. Und richtig, sie rief mich an und erzaehlte mir, dass keiner der ueblichen Busse fahren wuerde. Ich sagte ihr, dass sie einen anderen anderen Bus nehmen koennte und ich sie dann von dort abholen wuerde. Leider stieg sie eine Haltestelle zu frueh aus, so dass ich noch einen kleineren Sprint bei 32 Grad hinlegen konnte.

Der starke Regen hatte am Donnerstagabend leider nur eine Minipause eingelegt. Abends ging dann das Spielchen weiter, und ich ueberlegte stark, ob ich J. nicht bitten sollte, lieber zuhause zu bleiben. Allerdings war an diesem Tag ein interschulisches Volleyballspiel angesagt, und fuer das Siegerteam sollte es eine Portion eines gewissen teuren Eises geben. J. freute sich seit Tagen darauf und war schon bereit, dafuer doch einiges an Unangenehmen auf sich zu nehmen. Allerdings war frueh die Strasse immer noch gesperrt, es regnete wie aus Eimern. Und ich haette sie auch nicht zur Schule fahren koennen, weil Soehnle am Vortage hohes Fieber bekommen hatte. Und nach einem guten Blick auf den Wetterbericht und die Bilder von den Ueberschwemmungen in der Stadt war es auch J. viel zu unheimlich, so dass sie auch schweren Herzens auf die Schule verzichtete.

Allerdings muss ich sagen, dass ich auch die Schule nicht verstehe. In einer Ausnahmesituation wie derjetzigen hat sie im Gegensatz zu anderen Schulen hier KEIN Schulfrei gegeben, sondern Unterricht nach Plan durchgefuehrt. Am Donnerstag fehlten 9-10 Mitschueler auf ihren privaten Wunsch hin, und am Freitag trafen wir eine SEMPAI von J., die meinte, dass „so wieso JEDER heute schwaenzen wuerde“. In Japan gibt es naemlich keine Unterscheidung zwischen „Schwaenzen (unentschuldigt fehlen)“ und „entschuldigt wegen Krankheit etc. fehlen“. Wenn die Schule mehr oder weniger damit rechnet, dass das Gros der Schueler aus Sicherheitsgruenden „schwaenzt“, warum kann dann nicht mal Tacheles gesprochen werden und zumindest Unterricht oder Schulevents auf andere Tage verschoben werden? *kopfschuettel*

Sonnabend frueh liess der starke Regen nach und wurde zu einem sanften Nieselregen, und meine Kinder fingen an zu quengeln, dass sie doch gerne mit ihren Freunden im Kindergarten spielen wollten. Der Wetterbericht versprach auch „leichten Regen, der spaeter in Wolkig uebergehen sollte.“ Ich machte also doch die Kindergartensachen fertig und fuhr sie in den Kindergarten. Und im gleichen Augenblick ging der gleiche starke Regenguss los, wie wir ihn die letzten Tage hatte. Ach du schoene Sch…ande! Im Kindergarten angekommen erzaehlte mir die Betreuerin, dass sie eigentlich nur fuer die Kinder, deren Eltern arbeiten muessen, aufhaetten und alle anderen ihre Kinder aus Sicherheitgruenden zuhause beaufsichtigen. Da wir aber nun da waren und es keinen Sinn machte, gleich wieder nach Hause zu fahren oder fuer mich doppelt nass zu werden, wenn ich die Kinder nach dem Mittagessen wieder abholte, blieb ich auch gleich im Kindergarten, spielte mit den Kindern, half beim Mittagessenessen und nahm dann die Kinder wieder mit nach Hause. Im gleichen starken Regen wie 3 Stunden vorher. Soviel zur Zuverlaesslichkeit vom Wetterbericht!!

Mein Mann rief mich an, dass das Elternhaus eines seiner Kollegen ganz schlimm betroffen sei und alle aus der Gruppe nach der Nachtschicht dorthinfahren und helfen wuerden. Erst hiess es, dass sie mit dem Bus fahren koennten, aber anscheinend hatten irgendwelche leitenden Angestellten doch kein offenes Ohr dafuer, so dass jeder doch mit dem eigenen Auto dorthin musste. Der betroffene Kollege durfte nicht einmal Jahresurlaub nehmen und bekam nur einen Tag durch Tausch der Schicht mit einem anderen frei. *grrr*  Ich wollte auch helfen, aber da ich wegen Kinderhueten doch eher nicht viel machen kann, ueberlegte ich einen Augenblick, ob zuhause warten doch nicht besser sei. Aber die Idee, Goettergatten alleine am Nachmittag zurueckfahren zu lassen, gefiel mir noch weniger, weil ich oft genug erlebt hatte, wie ploetzlich von einem Augenblick zum anderen seine Batterie leer wurde und er unwiderstehlich muede wurde. (Und so war es auch dieses Mal!) Also votierte ich trotzdem aufs Mitfahren, selbst wenn das Einzige, was ich machen kann, Chauffeur spielen sein wuerde. Gluecklicherweise konnte ich dann trotzdem noch mit zugreifen und putzte mit Toechterles Hilfe ein Zimmer durch.

Die Zerstoerung in dem Stadtteil von Aso-shi war ueberwaeltigend. Ueberall stinkender Schlamm auf Strassen und Feldern! Der Fluss hatte die sonst wirklich stabile Steinmauer vor dem Haus des Kollegens voellig zerstoert. Uns wurde gezeigt, wie hoch das Wasser stand: Ausserhalb des Hauses bis 1,8 m hoch, und innerhalb waren es immer noch 1,1 m, wie an dem Tag auch ausgemessen und fotografisch dokumentiert wurde. Auf dem Hof hatte der Fluss eine bis 25 cm hohe Schlammschicht hinterlassen, die die Maenner ueber Stunden hinweg wegschippten. Hunderte Kilo Reis und alles andere im Depot konnten die Maenner auch nur noch auf den kleinen Transporter laden und zur zentrallen Muellsammelstelle fahren. Im Haus war alles, dass unter 1,1 m gelagert worden war, unbrauchbar geworden und konnte nur noch weggeschissen werden. Ja, Geld, Fotos und wichtige Dokumente wie das Sparbuch wurden auf einer Leine zum Trocknen aufgehaengt (war schon ein witziger Anblick!!) Und sicherlich haette man Kleidung durch Waschen retten koennen, aber wer hat in der Zeit noch Zeit dafuer? Ich bekam teilweise noch original verpacktes Zubehoer fuer Kimonos geschenkt, das auch dringend gewaschen oder zumindest getrocknet werden musste. Daher gab es mir die Mutter des Kollegens schweren Herzens, weil es nach 1-2 Wochen liegen doch nur noch reif fuer die Tonne gewesen waere. Weil J. noch viel fuer ihre Kimonos fehlt, hatte sie sich ueber ihre neuen Schnuere oder die Unterwaesche sehr gefreut und wird bestimmt so das Unglueck in Kumamoto nie vergessen.

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8 Kommentare zu “Regen, Regen, Re~gen

  1. Ein wirklich dramatischer Bericht. Schade, dass man sowas in Deutschland nicht richtig mitbekommt. Wenn ich hier die Nachrichten einschalten habe ich eh manchmal das Gefühl, dass nix in der Welt passiert ist 🙂 Bezüglich der „schwänzen“ – Thematik wollte ich fragen, wie dass denn beruflich geregelt ist? Gilt entschludigt=unentschuldigt auch fürs Berufsleben?
    Danke im Voraus

  2. Ich bin mir nicht ganz sicher, was du meinst. Wenn du meinst, einfach ohne Entschuldigung/Grund zu fehlen, dann wird den Leuten hier das gleiche passieren wie in Deutschland: Irgendwann nach der ersten oder 2. Ermahnung brauchen sie nicht mehr zu kommen.

    Ob im Gegensatz zur Uni z.B. ein einfacher Anruf reicht, dass man krank ist, haengt vom Arbeitgeber ab. I.d.R. muss man schon irgendwie nachweisen, dass man zumindest beim Arzt war. Sprich meistens reicht dann die Quittung oder sogar auch nur die telefonische Information, dass man zum Arzt geht/gegangen war. Bei laengeren Sachen muss i.d.R. der Arzt schriftlich bestaetigen, dass ein Krankenurlaub notwendig ist.
    I.d.R. fliesst auch zumindest ein Teil des Geldes rueber, aber dafuer muss man gut seinen Arbeitsvertrag anschauen, wie das geregelt ist.

    Und ja, Leute haben bezahlten Jahresurlaub und auch Sonderurlaub bei Geburten etc., aber es gibt keinen Anspruch darauf, dass man ihn auch nehmen kann, wie wir selber feststellen konnten. Und wenn, dann in einem Stueck. I.d.R. muss man schon froh sein, wenn man eine zusammenhaengende Woche freibekommen sollte. Hier wird nicht gesehen, dass ein laengerer Urlaub, vor allem mit der Familie, sehr oft dazu fuehrt, dass man besser erholt ist und mehr leisten kann, sondern doch mehr auf die kurzfristigen Nachteile geschaut, wenn man ploetzlichen einen Mann weniger hat. Aber wie gesagt, das ist alles abhaengig von der Person, und manche sind halt so engstirnig, dass sie nicht einmal Urlaub in Notfaellen wie bei den Fluten geben.

  3. Danke erstmal für die ausführliche Antwort 🙂 Ich meinte, das entschludigt=unentschuldigt bezogen auf Deinen Satz im Fließtext: „In Japan gibt es naemlich keine Unterscheidung zwischen “Schwaenzen (unentschuldigt fehlen)” und “entschuldigt wegen Krankheit etc. fehlen”.“

    PS: Als ich studiert habe (2006 – 2009) gabs in den ersten Jahren eine Anwesenheitspflicht, d.h. ich musste für jede Fehlstunde bei jedem Prof eine Kopie meines Krankenscheines einreichen und nochmal zustätzlich eine im Sekretariat, denn – wie man mir mitteilte – kann sich das Sekretariat ja nicht darum kümmern, den Profs eine Mitteilung zukommen zu lassen.

  4. Puuuh! Hochdramatisch, und wir haben nichts davon mitbekommen. Vor etwa 5 Jahren habe ich vergleichbares miterlebt und das Haus meiner Schwester (im deutschen Hochsauerlandkreis) mit ausräumen müssen. Nun schaudert es mich, Deinen Bericht zu lesen.

    lg Bernd

  5. Ja, Bernd, das war schon nicht schoen, auch wenn wir selber Glueck hatten und nicht direkt betroffen waren. Aber den Rettungshubschrauber in Luftlinie nur 200 m Entfernung zu sehen war schon nicht schoen. Und unser ATS musste leider auf das Sportfest verzichten, weil sie nicht in die Schule gehen konnte. (Ist aber auch typisch Japan, warum legen sie das Sportfest nicht auf einen anderen Tag, wo es der Haelfte der Schueler nicht wirklich anders ging als J.? Nee, alles muss nach Plan passieren, der bis zu einem Jahr im Voraus festgelegt wurde.)

  6. Von der Uni her kenne ich das aehnlich, auch wenn in der Regel gereicht hatte, wenn man dem Professor einen Beweis vorlegt, dass man z.B. beim Arzt etc. war. Waehrend der Sprachschule wusste ich das nicht und hatte das meiner Klassenleiterin nur so mitgeteilt, und schwupps hatte ich nur noch 96% Anwesenheit, sprich schlechter als andere und hatte damit weniger gute Chancen auf ein ein Stipendium. Waehrend der Uni wollte ich mir das nicht mehr erlauben und ging daher selbst bei einfachen Erkaeltungen zum Arzt. Der damals noch einzige dort verschrieb immer so viel Medizin, dass es mich echt jedes Mal 30 Euro oder so an Zuzahlungen gekostet hatte, aber ich konnte wenigsten einen Tag ausruhen und mich gesund pflegen. Und hatte trotzdem meine 100% Anwesenheit.

    Wenn mein Mann krank ist, dann muss er sich frueh krank melden und i.d.R. dann auch zum Arzt gehen, weil es ihm dann wirklich dreckig geht. Bei „ein bisschen“ Erkaeltung oder Fieber wird doch nicht mal ein Tag freigenommen. Und bei anderen Sachen muesste er sonst einen Tag Jahresurlaub nehmen, aber die Chance, dass der bewilligt wird, ist jetzt sehr klein. Aber bei der alten Firma kann ich mich daran erinnern, dass er das ein oder zweimal gemacht hatte. Richtig unentschuldigt fehlen geht meines Erachtens beim Arbeiten nicht. Sollte er bis spaetestens 15 min nach Arbeitsbeginn nicht auf der Arbeit sein, haette er schon einen Anruf auf dem Handy, wo er denn sei. Und sollte er den Anruf ignorieren, dann kann er sich am naechsten Arbeitstag eine Standpauke anhoeren und muss eventuell mit irgendwelchen Strafen rechnen. Aber das kenne, wie gesagt, aus Deutschland auch nicht anders.

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