3 Tage Intensivtraining

Mein kleiner blinder Freund sitzt wieder im Bus auf dem Weg nach Hause, nachdem er 3 ziemlich ereignisreiche Tage verbracht hatte und viel Neues ausprobieren und lernen musste. Das erste war allein schon die 2,5 Stunden Busfahrt, das erste Mal, dass er so etwas durfte. Als ich ihn das letzte Mal eingeladen hatte, musste Oma auch unbedingt mitkommen, auch wenn sie eigentlich keine Zeit dafuer hatte. Und letzten Endes war die ganze Fahrt ueberhaupt kein Problem fuer irgend jemanden.

Am Sonnabend nahm ich ihn mit zu J.s Schule, und er, der als Traum hat, auf eine normale Oberschule zu gehen, hatte mal eine Eindruck bekommen koennen, wie die Schule fuer sehende Leute an normalen Tagen organisiert ist. Zwar hatte seine Blindenschule ab und zu mal Begegnungstreffen mit Grund- und Mittelschulen organisiert, aber dann wurde fuer diesen Tag der normale Unterricht abgesagt und irgendwelche speziellen Events durchgefuehrt. Durch den Besuch am Sonnabend hatte er die Moeglichkeit, Mathe, Englisch und Physik anzusehen und wahrscheinlich zum 1. Mal wirklich verstehen, was ich ihm vorher schon mal in Mails versuchte zu sagen. Mal von dem engstirnigen Schulamt (教育委員会) mal abgesehen, so ist die Organisation einer japanischen Schule wenig blindenfreundlich und eine Aufnahme eines Sehbehinderten wuerde erst einmal die Schule vor ein grosses Problem stellen. Der standardmaessige Unterricht in Japan besteht hauptsaechlich aus Lehrbuchvorlesen, Vortrag des Lehrers und extensiven Anschreibens an die Tafel. Dazu kommen dann regelmaessige Fuell-die-Luecke-Text-Kurzkontrollen und Hausaufgaben, die gerne mal abgegeben werden muessen. Und das Meiste laesst sich nicht wirklich gut mit den Beduerfnissen von Blinden und den fehlenden Faehigkeiten von Lehrern in Bezug auf die Brailleschrift verbinden. Und ein lapidares „Dann koennte man ja Blindenschriftuebersetzerfreiwillige oder den Banknachbarn im Unterricht bitten, z.B. die Lueckenfuellteste zu uebersetzen/vorzulesen“, so wie er sich das vorgestellt hatte, funktioniert einfach nicht im Rahmen des normalen Unterrichts und waere hoechstens mal eine Option fuer die Zwischen- und Abschlusspruefungen im Schuljahr bzw. das Lernen nach dem Unterricht. Und seine Oma zu bitten, alles vorzulesen und die Loesungen von Aufgaben in Schwarzschrift aufzuschreiben, wird auch einfach an den fehlenden Mathe- oder Englischkenntnissen und der Zeit der Oma scheitern.

Zwar gibt es Uebersetzungen von Oberschulbuechern in Brailleschrift, aber sollte er keine Fonds etc. finden, die da auch sehbehinderten Schuelern an Normalschulen unterstuetzen, so sind die Preise fuer die Buecher von mehreren 100 bis 3000 Euro pro Buch so teuer, dass es privat unmoeglich ist, fuer ihn lesbare Buecher zu finanzieren. Und viele Schulen geben auch gerne Kopien von Aufgaben und Lehrinhalten raus, die es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht in Brailleschrift gibt. Und bevor er dafuer keine durchfuehrbaren Moeglichkeiten anbieten kann, die die Schule nicht grossartig mehr belasten, wird sich keine regulaere Schule im doch noch konservativeren Kyuushuu bereiterklaeren, ihn aufzunehmen, selbst wenn er die scholastischen Faehigkeiten besitzen sollte, die Aufnahmepruefungen fuer die Schule zu bestehen.

Weiterhin muss ich zugeben, dass ich mich an irgendeiner Stelle mehr als genervt fuehlte, ein 80 kg Baby hinter mir herzuZIEHEN zu muessen, dass es nicht einmal fuer noetig hielt, seinen Blindenstock auch nur im Geringsten benutzen zu muessen. Also liess ich ihn selber laufen und gab ihm von hinten nur Anweisungen, wann er wo abbiegen muesse und half nur dort aus, wo es einfach zu unuebersichtlich und/oder gefaehrlich wurde. Und siehe da, es klappte wunderbar! Nichts von dem „Er kann doch nicht…. Er darf doch nicht… . „, wie das aus seinen Kreisen immer kommt. Den letzten (sicheren) Rest des Weges liess ich ihn den Weg voellig  alleine ausforschen. Zwar bog er 2 Mal zu frueh ab und landete auf dem Parkplatz eines Hauses, aber er liess nicht nach und entdeckte die Treppe doch, die nach oben fuehrte. Toll gemacht! Und auch zuhause zeigte ich ihm die Benutzung des Tuerschlosses und liess ihn dann den Treppe in seinem Tempo hochlaufen. Und entgegen aller anderslautenden Aussagen konnte er auch das und beschleunigte das Tempo gewaltig in den 3 Tagen.

Mit 2 kleinen Kindern habe ich auch gar nicht soo viel Zeit, bei jedem kleinen Pieps zu springen, den er macht. Ich erklaerte es ihm also, dass es keine boese Absicht sei, wenn ich ihm nicht wie zuhause jeden Wunsch von den Augen ablese, sondern dass ich einfach erwarten muss, dass er sein Zeugs erst einmal alleine macht und erst dann, wenn es nicht mehr geht, aktiv um Hilfe bittet. Und selbst das klappte immer besser. Der persoenliche Hoehepunkt fuer ihn war zu versuchen, doch einen Zehnagel mal abzuschneiden, etwas das er noch nie in seinem Leben alleine gemacht hat. Und auch wenn es fuer sehende Menschen aus gesehen eine Ewigkeit gedauert hatte, ich glaube dicht an 15 min oder so, so hatte er es doch geschafft und war sichtlich stolz auf sich. Und das darf er auch, finde ich!

Aber wenn ich so sehe, was er doch kann, wenn er will, auch wenn natuerlich noch nicht die Sicherheit und das Tempo da ist, so frage ich mich echt, warum in aller Welt ihn man dann nicht diese Sachen selber machen laesst. Klar, mit der Schere haette er sich etwas in den Fusszeh picksen koennen, aber mein Gott, welches Kind macht das nicht mal, waehrend es uebt, das selber zu machen? Die Familie und auch die Schule des Jungen machen sich solche Sorgen, dass den Blinden etwas passieren koennte und auch ob diese Menschen ueberhaupt alleine leben koennen und nicht doch staendig beaufsichtigt und betreut werden muessen. Aber gerade diese Angst, finde ich, ist die groesste Behinderung fuer sie, nicht die schlechte bis fehlende Sehkraft. Und das finde ich verdammt tragisch und traurig… .

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