Schulen in Japan

Ich bin gefragt worden, warum Schulen, in unserem Fall immerhin 6, sich so gegen eine Aufnahme sperren. Sicherlich gibt es dafuer viele Gruende, aber einige Hauptgruende lassen sich schon erkennen:

  1. -Kastendenken: Das ist etwas, was zumindest in Japan regelrecht von fruehester Kindheit antrainiert wird. Eine gut sichtbare Folge ist, dass es Vorschriften und Regelbuecher fuer ziemlich alles gibt. Natuerlich hat das auch Vorteile, weil das den Faktor „menschliche Fehler“ ziemlich weit ausloescht. Dafuer aber stehen Japaner Situationen ziemlich hilflos gegenueber, die eben nicht durch das Regelwerk abgedeckt sind. Und Austauschschueler im normalen Schulleben sind definitiv so ein Faktor…
  2. Japanische Lehrer sind voellig ueberarbeitet. Deutsche oder franzoesische Lehrer moegen einwerfen, dass sie auch viel zu tun haben, aber im Vergleich dazu, was japanische leisten muessen, ist das ein Halbtagsjob mit riesig viel freier Zeit. Lehrer auf oeffentlichen Schulen sind verbeamtet, und als solche muessen das ganze Jahr herum, auch in den Ferien, taeglich mindestens 8 Stunden in der Schule sein, auch wenn sie vielleicht nur 3 Stunden zu unterrichten haben. Zur 2. Stunde zur Schule kommen oder die Teste zuhause im Arbeitszimmer ueberpruefen gibt es hier nicht. Desweiteren kommen zu den normalen Unterrichtsstunden die Fuersorge fuer 40 (!)  Schueler, die Regelsschuelerzahl in japanischen Schulen. Dazu kommt der Kontakt zu den Eltern, Hausbesuche und teilweise auch Monstereltern, die kommen, weil ihr Lieblingssohn ein F bekommen hat. Und um das Fass auch richtig zum Ueberlaufen zu bringen, bekommen dann viele auch noch die Aufsicht ueber einen Schulklub aufgebraten, der besonders im Fall von Sportklubs bis spaet abends geht und NATUERLICH auch am Wochenende durchgefuehrt wird. Oft auch da bis spaet abends, wenn der Lehrer dann nicht mit den Klubmitgliedern am Sonntag zu irgendwelchen Wettkaempfen fahren muss. Bei solchem Leben ist klar, dass auch viele Lehrer Bedenken haben oder einfach unwillig sind, sich noch mehr Arbeit wegen eines Austauschschuelers aufzubrummen. (Und wo wir beim Leben japanischer Lehrer sind, hier gibt es ein Zwangsrotationssystem, dass Lehrer als Staats- oder Praefekturdiener gezwungen sind, nach meist 5-7 Jahren ihre Tasche zu packen und an eine andere Schule zu gehen.)
  3. Besonders japanische oeffentliche Schulen sind arm wie Kirchenmaeuse. Ich muss sagen, dass ich wirklich erschrocken war, als ich den Zustand vieler Schulen hier sah. Dreckige Fassaden, abgewetzte Bodenbelaege, Waende und Tueren, die nach Farbe nahezu schreien, dreckige Toiletten, die wirklich mal eine gruendliche Reinigung mit starker Physik oder Chemie beduerfen. Aber selbst dafuer gibt es kein Geld, sondern nicht besonders putzwuetige Schueler putzen taeglich mit kaltem Wasser ohne Spuelmittel natuerlich durch.
    Um ehrlich zu sein, moechte ich auch mal wissen, wie in den Klassenzimmern frueher mal 50 Leute gesessen haben, die Zimmer sind mit 40 Leuten schon so voll, dass man sich wirklich nicht bewegen kann. Fuer andere Unterrichtsmethoden ausser Lehrer steht auf dem Potest vor der Tafel und Schueler hoeren zu gibt es wirklich wenig Alternativen. Durch die finanziellen Engpaesse ist natuerlich auch finanziell nicht viel Spielraum, und man muss gut als Schulleitung ueberlegen, was einem nun wichtiger ist.
    Private Schulen haben abhaengig von ihrem Prestige und ihren Schulgebuehren oft bessere Ausstattungen, aber dann kosten diese Schulen auch schnell mal zwischen 8000-11.000 Euro im Jahr. Daher kommen verhaeltnismaessig viele ATS aus solche Schulen, aber das sich ein Grossteil von denen in Kanto, Grossraum Osaka oder anderen sehr grossen Staedten befinden, erklaert das auch, warum viele Schueler gerade dahin gehen.
  4. Die Aufnahme von ATS ist MENDOUKUSAI (nervig, aufwaendig). Die Regelklassenstaerke ist 40 Leute, und in ueber 90 % aller Faelle, von unpopulaeren oder unguenstig gelegenen Oberschulen mal abgesehen, sind dann auch 40 Leute in der Klasse. Darauf sind die Schuhschraenke und Haken etc. ausgerichtet. Wenn dann ploetzlich ein 41. Schueler kommt, dann muss ein neuer Schrank her, ein extra Buecherfach geschaffen werden, eventuell ein extra Haken fuer die Jacken angeschraubt werden etc. Nicht, dass es nicht geht, aber Menschen sind ja erst einmal faul. Und das trifft fuer ueberarbeitete japanische Beamte erst recht zu.
  5. Man kann sich nicht vorstellen, was fuer ATS das Beste ist. Sicherlich gibt es im Japanischen das Wort OMOIYARI, aber so wie ich das Konzept gelebt kennen gelernt habe, ist das weniger vom Standpunkt des Empfangenden denken als mehr was ICH selber mir hier in der Situation wuensche. Genau diese zu oft vorkommende Unfaehigkeit, vom Standpunkt eines anderen zu denken, ist einer der Hauptgruende, warum hier Debatten oder Eroerterungen so eine Katastrophe sind. „Ich mag Bush nicht, daher ist er nicht der ideale Boyfriend fuer mich. Punktum!“, so die Antwort auf die Frage im Debattenunterricht, wo darueber nachgedacht werden sollte, warum Bush Junior der ideale Freund fuer einen waere. Genau diese Denkweise fuehrt auch dazu, dass man ATS auch nur zu gerne die Schulen antut, die Japaner als die Besten empfinden: Naemlich die Kaderschmieden in der Praefektur, die Leute auf die Unis mit den schwierigsten Aufnahmepruefungen vorbereiten. Nur kann man sich nicht vorstellen, dass ATS wegen der fehlenden Sprachkenntnisse „hochwertiger Unterricht“ ueberhaupt nichts bringt. Und wegen des staendigen Lernens und eventuell noch Zusatzunterrichts haben Schueler dieser Schulen auch so gut wie keine Zeit fuer die ATS.
    Wegen dieses fehlenden Einfuehlens in ATS kann man sich auch oft nicht vorstellen, dass der internationale Kurs nicht unbedingt der beste oder gar interessanteste fuer ATS ist, die i.d.R. nicht gekommen sind, um zig Englischstunden auf einem Niveau zu haben, dass meist weit unter deren Niveau liegt. Kurse mit praktischen Faechern oder Sportkurse oder Musikkurse etc. sind sehr oft viel interessanter, weil man dort viel schneller mitmachen kann bzw. seinen Interessen nachgehen koennte. Aber Kurswahl in Japan? Arienai, von Schulen wie der „angeblich nicht gut genug seinenden „Schule mal abgesehen, wo auch japanische Schueler ihren Interessen entsprechend Faecher waehlen koennen. Daher kann man  verstehen, warum ich so erstaunt war, als die Thai vor 2 Jahren ihren Kurs frei waehlen durfte.

Es gibt sicherlich viele Aspekte, die Schulen die Aufnahme auch nicht leicht machen, aber entschuldigen tut das alles trotzdem nicht die Ignoranz der Schulen und/oder Lehrer. Meine Oma sagte immer (in Bezug auf einen Laden): „Ist der Handel noch so klein, bringt er mehr als Arbeit ein.“ Das Gleiche laesst sich meines Erachtens auch auf ATS ummuenzen, sicherlich kosten sie Geld und Aufwand, aber die Sachen, die in einer so engen Welt lebenden Schueler in Japan von ihnen lernen koennten, ueberragen das mit Sicherheit in den allermeisten Faellen. Und ich denke da mit Sicherheit nicht an den Fremdsprachenunterricht. Ich kann es Lehrern und Schulleitungen nicht wirklich verzeihen, dass sie ihren Schuelern diese Moeglichkeit einfach nehmen. Nun gut, wahrscheinlich werden jetzt in Hiroshima viele Schueler ihren Spass mit einem kleinen Franzosen haben.

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3 Kommentare zu “Schulen in Japan

  1. ein Lehrer von mir sagte mal über Deutschland: „Wie kann ein Land, das so industriell und fortgeschritten ist, so wenig in Bildung investieren?“.
    Trifft wohl auch auf Japan zu.

  2. Naja, Japan ist da noch ein bisschen schlimmer. Wenn ich daran denke, dass ueber 60% der Grundschulen bekanntlich nicht erdbebensicher sind (und auch nicht tsunamisicher, wie man seit Maerz weiss), das Problem bekannt ist, aber kein Geld dafuer da ist, dann ist das schon ein bisschen in einer anderen Kategorie.

    Man mag ja ueber Deutschland sagen, was man will, aber hier kosten selbst oeffentliche Unis noch mindestens um die 3500 Euro an Studiengebuehren im Jahr, ohne dass die Ausstattung oder die Bezahlung der Profs. soooo toll ist. Japan ist schon noch ein ganzes Stueck weiter unter Deutschland… .

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