Meine japanische Kirche

In Berichten zu Religionen in Japan konnte ich immer wieder lesen, dass die wenigen Christen in Japan eher als strengglaeubig seien, ja teilweise als engstirnig angesehen seien. Ja, aus einiger Erfahrung muss ich zugeben, dass da durchaus ein wahrer Kern drinnen ist. So bin ich zum Beispiel selber mal gefragt worden, wie in aller Welt ich als Christ denn nur mit einem nichtchristlichen Mann zusammenleben koenne. Nicht, dass jetzt direkt andere Religionen schlecht gemacht wurden, aber als Nichtchrist wuerde ihm das Himmelreich vorenthalten sein und seine Seele in der Hoelle schmoren. Und wenn ich ihn oder auch andere wirklich lieben wuerde, dann koenne ich das doch noch zulassen und muesse missionieren.

Solche Auffassungen in Bezug auf die Aufdraengung seiner eigenen Lebenseinstellung sind mir persoenlich unangenehm, und Gottesdienste mit strengglaeubigen Christen und deren lauten Hallejuja-Rufen und Geistigwegtreten wirken auf mich eher angsteinfloessend als alles anderes. Daher bin ich anderen Kirchen gegenueber nicht besonders positiv eingestellt gewesen und auch wegen unseres Lebensstil war von meiner Seite her kaum groesseres Interesse da, offiziell etwas mehr fuer mein Seelenheil zu machen.

Aufgrund des bevorstehenden Todes meiner geliebten Gastmutter und Taufpatin und der Tatsache, dass wir staendig an einer Kirche vorbeifuhren, hatte ich mich doch entschlossen, mal vorsuchsweise zu einer zu gehen.

Zur naeheren Auswahl hatte ich zwei:

Die evangelisch-lutherische Kirche von Japan, die hier in der Stadt ihre Wurzeln in den nordischen Kirchen hatte (日本福音ルーテル教会).

Und die andere die United Church of Christ in Japan (日本基督教団), eine protestantische Kirche, die am 24.6.1941 aus der Zwangsvereinigung von 33 protestantischen Gruppen entstanden ist und dementsprechend viele Sichtweisen in sich vereinigen suchte. In der Nachkriegszeit sind diverse Richtungen wie z.B. die Lutheraner wieder ausgebrochen und haben sich wieder verselbstaendigt.

Fahrtechnisch und zeitlich lag die United Church besser, so dass ich es bei ihr mal versuchte.

Ich muss zugeben, dass ich tief beeindruckt von der Offenheit und Toleranz von anderem in der Kirche war. Mein voellig unchristlicher Mann wurde willkommen geheissen, man hatte absolut nichts gegen spielende Kinder im Nebenzimmer, auch wenn es dann ab und zu etwas lauter wurde. Wenn meine Gastmutter das gesehen haette, haette sie sich wahrscheinlich richtig uebelst aufgeregt. Meine ungetaufte kleine Tochter durfte selbst wie alle anderen Kinder im Vorkonfirmationsalter an dem Abendmahl teilnehmen. Und mehr als das staendige Betonen des Seelenrettens sieht die Kirche ihre Aufgabe in der Verbesserung der Gesellschaft und engagiert sich z.B. stark fuer den Austritt aus der Atomkraft oder auch der Verwendung von Schulbuechern, die nicht die Vorkriegsverfassung und ihre Auswirkungen unnoetig glorifizieren. Und auch insgesamt hatten weder das Pfarrerpaar noch die Regelmitglieder irgendwelche
Einstellungen raushaengen lassen, wie ich sie vorher von Christen in Japan mal kennen gelernt hatte.

Ich war sehr interessiert, ob das nun die allgemeine Einstellung war oder nicht, und begann etwas nachzuschlagen. Und ich musste feststellen, dass die Kirche in 2 grosse Richtungen geteilt ist, die eine traditionelle (教会派), die ihre Aufgabe mehr im Verbessern des Einzelnens und so im Seelenheil ieht. Und eine (社会派), die mehr ihre Aufgabe als wichtige Institution der japanischen Gesellschaft sieht und auf dieser Ebene aktiv wird. Zwischen diesen beiden Richtungen sind die Fronten heiss, im Laufe der Geschichte gab es auch mehrere ernstzunehmendere Konflikte, die auch immer noch am Brodeln sind, wie ich auch aus Kommentaren von Mitgliedern heraushoeren konnte. Ich kann also wirklich mit Recht sagen, dass ich bei der Wahl der Kirche wirklich Glueck hatte, dass sie zu der progressiveren Richtung gehoert und sich so engagiert.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Japan veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Kommentare zu “Meine japanische Kirche

  1. Hallo A,
    habe Deinen Bericht mit echter Neugier gelesen … bin selbst nach langem Leiden aus der kat Kirche hier in D-land ausgetreten …
    Dein Kontakt zu der benachbarten lutherischen Gemeinde hört sich erstmal sehr gut an!

    lg Bernd

  2. Hallo Bernd,

    danke fuer deinen Kommentar. Ehrlich gesagt haette ich mir nie traeumen lassen, dass ich in Japan mal echt zum ueberzeugten Kirchengaenger mutieren sollte, besondern nachdem ich 10 Jahre lang Kirche und/oder Bibelgruppe, so gut wie es nur ging, geschwaenzt hatte.

    Nur ne kleine Anmerkung, es ist keine lutherische Kirche, sondern auf Deutsch die vereinigte evangelische Kirche von Japan. In Deutschland wuerde sie wahrscheinlich weitesgehends der Landeskirche entsprechen, wenn es denn hier so ein landesgestuetztes System gaebe.

    Hauptsaechlich ueber den Umweg USA hat diese Kirche ihre Wurzeln in den englischen Kirchen, die ihre Wurzeln eher in Calvin und Co., als den in Luther selber sehen und daher insgesamt nicht so streng auf einen festgelegten Ablauf achten.

    Die Hauptunterschiede zur mir bekannten lutherischen sind
    -Durchfuehrung des Abendmahls nur an den grossen Feiertagen
    -Nichtexistenz von Taufpaten, da die gesamte Gemeinde fuer Taufe der Kinder zeugt
    -Existenz eines „Showmasters“ (SHIKAI), der durch den Gottesdienst fuehrt und mehr oder weniger alles ausser der Predigt selber ansagt. Die Aufgabe wird im Gegensatz zum daenischen Kuester nicht von einem Kirchenangestellten gemacht, sonders wechselt reihum unter den Hauptmitgliedern der Gemeinde
    -das gemeinsame Lesen aus den Spruechen/Liedern von David, das in einen SHIKAI-Teil, Gemeindenteil und Alle-Teil aufgeteilt ist.

    Auch wenn es eine Orgel gibt, wie man auf dem Bild sieht, so gibt es aber keine augebildeten Organisten, sondern die Frau des Pfarrers, die Klavier gelehrt hatte, spielt darauf.

    Und genau die Freizuegigkeit in der Kirche scheint aber auch nicht allen Christen zu passen, es gibt durchaus auch einen Teil, der genau das kritisiert und die Rueckbesinnung auf die wahren Aufgaben fordert.

    LG.

  3. Liebe A.,

    ich danke Dir für diese vorzügliche Darstellung. Mehrfach musste ich lesen, bevor mir der Sinn nach Antwort stand.

    Komplizierte Antwort und keine brauchbare Erklärung … lies bitte selbst …

    Erwähnen möchte ich, dass unsere nördlich von Tokyo, südlich von Sendai an der sicher durch das extreme Beben und die Welle äußerst schwer gebeutelten Ostküste Honshus beheimatete Gasttochter alle seinerzeit hier dargebotenen christlichen Rituale in D´land wie Taufe /Kommunion/Ehe genossen und gefeiert und naja auch abgelichtet hat.

    Nach der Abreise … und dem schlimmen Beben … Ihrer Familie scheint es bei sehr sehr wenigen Rückmeldungen (wie leben die Menschen?) bisher eingermassen gut zu gehen. Wir wissen so gut wie nichts. Eine touristische Einladung unsererseits für den Sommer nach hier blieb ohne Antwort. Bei fb eine Meldung pro Quartal.

    Komischerweise führt mich das zurück zu Deinem Thema. Erklären kann ich das nicht. Da auch ich … ausserhalb der hiesigen Kirchenstrukturen lebe, kann ich garantiert keinen Tipp geben, wie Du/Ihr bezüglich Gemeindezugehörigkeit bei der bunten Struktur vor Ort in Japan vorgehen könntest/könntet.

    Andererseits fühlte ich mich beim Lesen Deiner Gedanken … meiner Gasttochter nahe, die ohne Nähe zur christlichen Theologie hier schlicht so glücklich war und so viele Bilder machte. Ich war dabei emotional so un/beteiligt – (?) wie sie selbst (?).

    Ist das nicht verrückt?

    Chaotische Grüsse …

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s