Die Schule stellt sich vor

Gestern hatte ich eine Mail von meinem blinden Schuelerle auf dem Handy, dass ein Video aus Deutschland angekommen sei. Video? Und das, wo ich extra gesagt hatte, dass das hier nicht funktioniert. Und jetzt schon? Es ist noch keine Woche her, dass ich eine Mail von der Klassenleiterin im Postfach hatte, wo sie mich nach der Adresse fragte.

Aber wie auch immer, heute morgen hatten wir uns noch zur vorletzten Deutschstunde verabredet, und Schuelerle brachte das „Video“ mit, dass sich als DVD herausstellte. Also warf ich den Plan um und begann mit ihm das Video anzuschauen, ihm die geschriebenen Sachen zu uebersetzen und Bilder zu erklaeren. Und ich konnte nicht anders, als von der Qualitaet des Films tief beeindruckt zu sein. Gut, seit meiner Hochzeit und der DVD davon sind ueber 5 Jahre vergangen, und sicherlich hat ein Medienzentrum auch andere Moeglichkeiten als ein Privatmann aus der Provinz. Aber trotzdem… In dem Augenblick fuehlte ich wirklich das erste Mal einen Anflug von Bedauern, dass Sh. das nicht sehen konnte.

Sh. wird in die 5b gehen und 7 Mitschueler haben, 4 Maedchen und 3 Jungen. Und da es die B-Klasse ist, muss es zumindest auch eine a-Klasse geben, so dass er mindestens 13-14 Schueler in seiner Klassenstufe haben duerfte. Schuelerle war sichlich uebergluecklich und tanzte nahezu einen Freudentanz vor dem Computer. Die technische Ausstattung war wirklich beachtlich und die ganze Atmosphaere in der Schule toll. Ein winziger Teil von mir haette gerne mit ihm tauschen wollen. Aber auf der anderen Seite habe ich meine Chance gehabt und wuerde diese Erfahrungen um nichts in der Welt eintauschen wollen.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass das groesste Problem nicht der Aufenthalt dort, wie alle hier befuerchten, sondern die Rueckreise sein wird. Die Rueckkehr in seine einsame japanische Welt duerfte fuer ihn die weit groessere Herausforderung darstellen als die Anpassung an die noch fremde deutsche. Oder das Erlernen der doch so unerlernbaren, da ja soooo schweren deutschen Sprache.

Ich habe uebrigens durch einen Zufall die Organisatorin des YFU-Deutschsprachkurses fuer Japaner in Halle kennen gelernt, und sie ueberlegt jetzt, ob sie nicht die Zeit hat, meinen kleinen Schueler mit vom Flughafen abzuholen. Sie war selber ATS in Japan und ist jetzt auch Gastschwester einer Japanerin. Und sie ueberlegt auch, ob sie nicht fuer ihren Kurs eine Exkursion an die Blindenschule organisieren koennte. Fuer die Japaner waere es auf alle Faelle ein Erlebnis, das sie mit grosser Wahrscheinlichkeit nie wieder haben werden, denn Nichtbehinderte und Behinderte haben hier so gut wie keine Moeglichkeiten, sich irgendwann im japanischen Leben mal zu treffen oder gar regelmaessig Zeit miteinander zu verbringen, weil sie so strikt abgetrennt werden. Es sind zwei voellig unterschiedliche Welten. Und so wie ich Japan kennen gelernt habe, wird sich das eher nicht in naeherer Zukunft aendern.

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4 Kommentare zu “Die Schule stellt sich vor

  1. Oha. Dann kommt er wohl in die Nähe von Halle?
    Dass der OSK in Halle stattfinden wird, habe ich auch schon gehört und mich gegrämt, dass meine Abschlussprüfungen mir die Teilnahme als Sprachlehrer versagt hat. Wobei – mein Japanisch ist bedauerlicherweise nicht so, dass ich 9-12 Schüler und ihre Probleme ohne Weiteres beaufsichtigen kann. Schade eigentlich 😦 Ich würde gern Sprachlehrer in einem J-Kurs sein.

  2. Nicht in der Naehe, sondern IN Halle. Er wird dort auf das LBZ fuer Blinde und Sehbehinderte gehen und mindestens 2 der 3 Wochen im staedtischen Wohnheim fuer Behinderte leben.

    Das ist wirklich schade, besonders weil du dir das Ganze auch als fachbezogendes Praktikum anerkennen lassen kannst.

    Uebrigens hattest du mich das letzte Mal falsch verstanden: Ich redete nicht von deutschen Gymnasien im Ausland, sondern von Deutschschulen, die Leuten im Ausland oder in Deutschland die notwendigen Deutschkenntnisse verpassen, damit sie hier dann studieren, lernen oder arbeiten koennen.

    Und manche Laender akzeptieren auch Leute wie dich als Deutschlehrer an normalen einheimischen Schulen, entweder auf befristeter Praktikumsbasis oder richtig als Vollzeitlehrer mit einem unbefristeten Vertrag. Eine Freundin mit DAF war ein Jahr in Russland, und eine andere hatte eine DAF-Deutsche als Regeldeutschlehrerin in Polen. In Japan geht das nicht, weil du offiziell ohne die gueltige japanische Lizenz nicht ohne einen Volllehrer als Aufpasser unterrichten darfst. Allerdings machen es mache private Schulen auch so, dass sie sich das Aufpassen ersparen bzw. das nur auf dem Papier existiert. Allerdings ist das in der Regel nur bei englischsprachigen Leuten so. Daher geht in Japan nur CIR oder ALT fuer Deutsche, wenn dir also das letztere in Japan nicht zu langweilig ist.

  3. Ja, Länder sind verschieden… die DaF-Realität ist nicht so rosarot, wie man das am Anfang des Studiums vogesetzt bekommt^^ Ich wusste auch noch nicht, wann meine Prüfungen sind, als ich mich als Sprachlehrer anmelden „sollte“ (was ein Satz.). Von daher war es für dieses Jahr eh doof. Wann fliegt Sh. denn?

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