So lange? Geht’s nicht auch ein bisschen kuerzer?

Genau den gleichen Satz habe ich letztes Jahr schon mal gehoert, als es eine gewisse ATS, die ohne ihren Volleyballclub nicht leben konnte, sich aufregte, dass wir ja ganze ZEEEHN Tage zur Verwandtschaft fahren wollten. Grrrh, ich entwickle mich immer mehr zum Feind von Schulklubs, zumindest solchen, die mit Mannschaftspielen zu tun haben.

Ganz von vorne. Das Softballteam der Blindenschule hier hat anscheinend auf irgendeiner (wahrscheinlich Kyuushuu-)Ebene gewonnen und darf das erste Mal seit was-weiss-ich zur Landesmeisterschaft. So weit so gut, nur ist mein blinder Schueler wohl ein Mitglied in dem Klub, und der Termin von dem Wettkampf ist auf den 20. August gefallen, wogegen er am 26. erst nach Japan zurueckkommen wird.

Ich hatte ihm letzte Woche schon einmal gesagt, dass er sich ueberlegen muss, was er will, und nach Deutschland will er unbedingt. Die Familie hatte der Schule schon mitgeteilt, dass er nicht da sei, und der Junge auch zu einem gewissen Punkt auch akzeptiert, dass es halt dieses Mal nicht geht. Aber…. seit Montag belegt ihn die Schule, man koennte durchaus von erpressen sprechen, dass mit ihm das Ganze fallen und stehen wuerde. Ohne ihn ginge es nicht, nur weil er jetzt im Team sei, haetten sie ueberhaupt gewonnen, und daher solle, nein, muesse er einfach frueher zurueckkommen. Um genau zu sein, muesste er spaetestens am 18. das Flugzeug besteigen, damit er ueberhaupt teilnehmen koenne. Fuer ein Spiel wuerde er also mindestes eine Woche opfern muessen…

Ich dachte eigentlich bis vorhin, dass sich die Sache erledigt hatte, doch da kam der Oma mehr oder weniger weinend vorbei und erzaehlte, dass der Junge jetzt dem Druck der Schule nachgegeben haette und glaube, ohne ihn ginge es nicht. Anfangs dachte ich noch, dass ohne seine Teilnahme das Team nicht komplett waere und nicht antreten koenne, aber die Schule haette durchaus die Moeglichkeit, einem sehenden Spieler die Augen zu verbinden und ihn antreten zu lassen. Aber das ist natuerlich aufwaendig und nervig. Und jetzt versucht sie es mit Druck auf den Jungen…

Selbst wenn ich wollte und mit dem Egoismus der Schule keine Probleme haette, wie anscheinend relativ viele Eltern das machen, dann habe ich immer noch das Problem, dass gegenwaertig in Deutschland Ferien sind und im Gegensatz zu ihren japanischen Kollegen deutsche auch Urlaub haben. Die Chance, irgend jemand vor August zu erreichen, ist also sehr, sehr klein. Dann hat die Schule so einiges geplant, und z.B. die Aufnahmen des Fernsehens werden mit grosser Wahrscheinlichkeit am Endes des Aufenthalts und nicht am Anfang liegen. Das wuerde alles extrem „MEIWAKU KAKERU“ – unnuetzen Aufwand bereiten -, was auch in deutschen Augen extrem unhoeflich waere. Aber die japanischen Schule, die sonst immer so mit genau dem Argument zu allen moeglichen Sachen kommt, hat keinerlei Probleme, das bei anderen zu machen.

Ja, und dann das Hauptproblem. Bekomme erst mal den Flug auf den 18. oder ein oder zwei Tage davor umgebucht! Nicht nur, dass es auch in Europa Sommerferien sind, nein, die Rueckreise waere nur einige Tage nach O-bon, dem japanischen Totenfest, das zusammen mit der Goldenen Woche und Neujahr fuer viele Japaner die einzige Moeglichkeit bietet, ueberhaupt zu verreisen. Selbst wenn die Schule in Deutschland absolut Verstaendnis haette und ihn liebend gerne frueher nach Hause schicken wuerde und alles andere kein Problem waere und auch die sonstigen vielleicht anfallenden Zusatzkosten von irgend jemandem getragen werden, so wuerde der Junge einfach in Frankfurt steckenbleiben. Wenn er frueher zurueck will, dann muesste es WEEEEEIT VOR Obon passieren (und selbst da ist wahrscheinlich alles voll). Und ehrlich gesagt, wenn dann nur 3 bis 4 Tage uebrig blieben, waere es besser, er ginge gar nicht. Sh. hat also die Wahl zwischen ENTWEDER voll Austausch ODER kein Austausch und dafuer den Sportwettkampf. Und da er auf Deutschland auf keinen Fall verzichten will, muss er halt in den sauren Apfel beissen. Und die Schule sich halt jemand anderen suchen.

Die Oma hatte heute erzaehlt, dass sie die Reise wohl nicht als RYUUGAKU (Austausch) wegen der dann notwendig werdenden Zustimmung des absolut engstirnigen Schulamts, sondern als KAZOKU-RYOKOU (Familienreise) verkauft habe, auch wenn sie gesagt hat, worum es sich dort genau handelt. Aber mal ganz ehrlich, selbst wenn es nur das waere, welche Familie, die zum Urlaub ins Ausland geht, koennte ploetzlich von einem Tag auf den anderen die Reise zwischendurch abbrechen, nur weil der Schule einfaellt, der Sohn muesse ploetzlich mit zum Wettkampf, weil ohne ihn das Team nicht sein koenne? *grrr* Das ginge so leicht nicht einmal in Japan.

Wenn meine Kinder ins schulpflichtige Alter kommen, werde ich zwar versuchen, so kooperativ wie moeglich zu sein, aber wenn die Schule so extrem ins Privatleben reinpfuschen will, dann beabsichtige ich, auf die Barrikaden zu gehen, egal, was vielleicht andere Japaner sagen werden. Und ich werde hart bleiben, was die Teilnahme meiner Kinder an solchen Schulklubs angeht. Nichts gegen Sport, aber wenn der so alles andere ueberschattet, dann ist das einfach zu viel. Insofern bin ich dankbar, dass ich diese Erfahrungen jetzt schon machen kann, bevor es mich wirklich richtig betrifft.

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