Die wirklichen Probleme von Blinden

Auf der Kinderparty vom letzten Sonntag traf eine sehr gut Deutsch sprechende Freundin M. wieder, und ich erzaehlte ihr von meinem blinden Deutschschueler. Sie sagte mir, dass sie sehr viel Interesse haette, ihn ab Herbst weiter zu unterrichten, weil sie so auch an ihrem Deutsch weiterarbeiten koenne.

Nun ergab es sich, dass ich nicht nur meinen Schueler, sondern auch sie zu der gleichen Let’s talk in English-Party mitnehmen konnte, so dass ich die Beiden einander vorstellen konnte.

Auf der Rueckfahrt brachte ich den Kleinen nach Hause und lud meine Freundin zum Essen ein. Und die Rede kam auf den Kleinen zu sprechen. M. deutete in vorsichtiger Japanerhoeflichkeit an, dass sie vielleicht wegen seines Charakters die ganze Sache doch als etwas sehr schwierig empfindet. Was dann dazu fuehrte, dass ich sie ueber das, worueber ich schon seit laengerem nachdenkte, zu sprechen anfing.

Die meisten Leute befuerchten bei Blinden immer, dass auf dem Boden liegende Gegenstaende oder unbekannte Wege das groesste Problem seien. Aber auch wenn ich nicht bezweifle, dass dafuer Loesungen zu finden nicht leicht ist, so ist das auch wiederum nichts Weltbewegendes. Gegen Fallen hilft Aufraeumen und der sichere Umgang mit dem Langstock, fuer unbekannte Wege hilft das Erforschen der Umgebung mit erprobten Techniken und der Aufbau einer Stadtkarte im Gehirn. Buecher kann man auch in Brailleschrift ausdrucken, und zum Kommunizieren mit Sehenden wird z.B. an deutschen Blindenschulen die Schwarzschrift (normale Schreibschrift) gelehrt.

Nein, das wirklich grosse Problem ist, dass man seine eigenen Handlungen an anderen Menschen nicht abchecken kann. Was weiss ich, wenn jemand vor anderen popelt, werden die wenigsten etwas laut sagen, aber mit Sicherheit werden die allermeisten in Ekel oder Missfallen ihren Mund verziehen. Fuer Sehende ist das kein Problem, aber was sollen Blinde machen? Sie leben zu einem gewissen Grad in ihrer eigenen Welt, und ohne die richtige Schulung koennen sie sich einfach nicht vorstellen, wie bestimmte Mimik, Gestik oder Geraeusche auf NORMALE Menschen wirkt.

Desweiteren lernen Kinder, die in normalen Umgebungen aufwachsen, durch das Verhalten und die Reaktionen ihrer Mitstudenten, was richtig oder unangemessen ist. Da wird eben laut gesagt, dass es eklig ist, wenn z.B. ein Kind unangemessene Geraeusche beim Essen macht oder pupt oder so etwas macht. Und durch andere Kinder und ihre kritischen Reaktionen wuerden auch kleine Blinde vieles lernen. Aber einem kleinen Jungen ist ja durch das Abschieben die Einschulung auf die Blindenschule mit so gut wie keinen Schuelern diese sehr wichtige Erfahrung vorenthalten gewesen. Und die 2 oder 3 anderen Schueler, die es mal gab, duerften die gleichen Probleme gehabt haben. Bzw. duerften sie an die Besonderheiten im Verhalten der Handvoll Schueler gewoehnt gewesen sein, die andere Menschen, einschliesslich auch meine Freundin, einfach nur schockieren.

Auf der Homepage der Blindenschule in Halle wird daher nicht umsonst die Schulung der Mimik und Gestik als ein grosses Bildungsziel betont. Brailleschrift etc. ist sicher wichtig, aber der problemlose Umgang mit den Nichtblinden ist es vielleicht noch mehr.

Ich hoffe um so mehr, dass die Schule Spass an der Aufnahme hat und der Junge doch mal ein Jahr dort auf der Schule verbringen kann. Nicht umbedingt so sehr wegen der vielbeschrieenen Internationalisierung, sondern einfach auch, um Dinge zu lernen, die ihm seine japanische Umgebung und die Schule hier nicht erlauben zu lernen.

Um auf meine Freundin zurueck zu kommen, sie will nach dem Gespraech die Sache noch einmal ueberschlafen, bevor sie entgueltig eine Entscheidung trifft.

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