Ein Jahr mit AYUSA Japan – Sono Yon

Teil 3

Mich hat es schon so manche Mal erschreckt zu sehen, dass Austauschschueler durch die halbe Stadt, ja teilweise sogar die halbe Praefektur geschickt werden, obwohl sie oft 2 bis 3 Schulen direkt vor der Haustuer hatten. Das wollte ich einfach unserer ATS nicht antun, daher schlug ich AYUSA eine Schule in Fahrradentfernung vor, mit deren Schuelern ich oft im Zug sehr nett geredet hatte. Auch gab es an der Schule ein KOKUSAIKA – einen internationalen Kurs, der sogar Deutsch als 2. Fremdsprache anbot, so dass noch mehr damit zu rechnen war, dass die Schule einen Austauschschueler akzeptieren wuerde.

Auch wenn Frau K. wohl relativ schnell nach der Zusage von L. bei der Schule nachfragte, so brauchte die Schule trotzdem fast 6 Wochen, bis endlich das O.k. fuer den Schulbesuch kam. Keine Ahnung, woran es lag, aber mir wurde gesagt, dass die Schule schon mehr als bereit sei, aber das letzte O.k. von „OBEN“ noch nicht gekommen sei. Was immer das bedeutet. Vielleicht ja von der SchulBEHOERDE (Kyouiku-iin-kai der Praefektur)  hier. Im Juni wurde dann ein Termin mit der Schule verabredet, wo sich die Betreuerin und ich als Gastmutter bei der Schule, inbesondere der Klassenleiterin vorstellen sollten.

Frau K. kam etwas frueher nach Oita, und wir trafen uns an einem Restaurant, wo wir so ueber den Austausch und alles Moegliche redeten. Dann ging es zur Schule, wo wir erst die Leiterin vom internationalen Kurs und dann die Klassenleiterin trafen. Erstere war eine aeltere Dame um die 50, letztere vielleicht 3 bis 5 Jahre aelter als ich. Beide wirkten sehr freundlich und schienen sich wirklich auf die ATS zu freuen. Die Klassenleiterin, uebrigens die der 2. Klasse, wie sich L. das gewuenscht hatte, erzaehlte uns, dass wohl ganze 5 Schueler der Schule im Ausland seien und sie wohl vorhatte, einen Austauschschueler von AFS anzufordern. Und dann um so mehr ueberrascht war, als die Anfrage von AYUSA kam.

Waehrend des Gespraeches passierte von AYUSAs Seite ueberhaupt nichts, ausser dass ihre „Huefte sehr tief gehalten wurde“, wie der japanische Ausdruck fuer „hoefliches Verhalten“ lautet. Es erfolgte keine Aufklaerung darueber, welchen Stellenwert der ATS hat noch wie es wuenschenswert waere, den ATS ins Schulleben einzubinden. Rein gar nichts, und dass, obwohl es sich bei der ATS um die allererste Jahres-ATS der Schule handeln sollte. Ich weiss nicht mehr genau, ob es beim ersten Treffen oder beim Treffen im August war, aber uns wurde ein Stundenplan vorgelegt, der nicht einmal Mathe enthielt, weil – wie es sich spaeter mal herausstellen sollte – Auslaender sowieso laut der Vorstellung der Klassenleiterin kein Japanisch und dem Unterricht so wieso nicht folgen koennen. Und AYUSA sagte zu dem Thema nichts. Ganz zu schweigen davon, dass man ja diskreet haette andeuten koennen, dass man es der Schuelerin ueberlassen koennte zu waehlen, welchen der beiden Unterkurse vom internationalen Zweig sie belegen moechte. Der Grund, dass L. dann doch zumindest etwas Mathe hatte, war, weil ich gesagt hatte, dass sie sonst nach ihrer Rueckkehr grosse Probleme haben wuerde, wenn sie voellig daraus kommen wuerde. Dito die erlassene Teilnahme an Altjapanisch, das nun Austauschschuelern ueberhaupt nichts bringt und worueber ihre Klassenleiterin nicht eine Sekunde nachgedacht hatte. Ausserdem fragte ich mal nach der Moeglichkeit, ob L. nicht mit den Normalkursklassen an der Klassenfahrt nach Hokkaidou teilnehmen koennte, weil ihre Klasse schon vor ihrer Ankunft nach England fahren wollte.

Letzten Endes bekam L. den Englisch intensiv-Unterkurs aufs Auge gedrueckt, wobei sie dann auch noch ein Englischfach in der 3. Klasse  und Kalligraphie in der 1. Klasse hatte und dadurch einen Teil der Faecher ihrer Klasse gar nicht vollstaendig hatte. Gerne auch Faecher, die fuer ATS interessant sein koennten wie z.B. Hauswirtschaft. An sich klingt ja Englisch nicht schlimm, aber in L.s Fall handelte es sich um 13-19 Stunden Englisch die Woche auf 6-Klaesslerniveau. Dazu 2 Stunden Deutsch fuer Anfaenger, die gerade das Zaehlen bis 10 uebten. Desweiteren machte ihre Klassenleiterin es spaeter auch unmissverstaendlich klar, dass sie in L. eine Hilfslehrerin fuer Englisch und Deutsch sah, die sie nur wegen der Sprachkenntnisse genommen hatte, ohne dass sie sie spaeter irgendwie in den Unterricht mit einbaute. Sie liess ihr keine Moeglichkeit, in den Stunden nach dem Absolvieren der Stundenaufgaben irgend etwas Sinnvolles tun ausser warten, bis die Stunde zu Ende war. Was oft ueber 30 min warten bedeutete, weil die Aufgaben so weit unter dem gewohnten Englischniveau von L. lagen. Es wurde von ihr auch von vornherein vorausgesetzt, dass ATS so wieso kein Japanisch lernen koennen und dieses auch immer wieder gezeigt. So wurde es L. nicht einmal zugestanden, dass sie Interesse an Buechern haben koennte, so dass es ihre Klassenleiterin nicht einmal fuer noetig hielt, eine Bibliothekskarte fuer die Schulbibliothek fuer sie zu beantragen. Letzten Endes habe sie ja auch kein Schulgeld gezahlt, daher habe sie natuerlich kein Recht auf so etwas oder gar auf aktive Teilnahme an der Klassengestaltung. Unter dem Argument wuerde sie staendig aus Abstimmungen herausgehalten, und ich wurde von der Unterrichtsteilnahme der Eltern wieder ausgeladen, obwohl mich die stellvertretene Klassenleiterin persoenlich eingeladen hatte.

Ich hatte AYUSA fruehzeitig, d.h. schon in den ersten Wochen ueber das Problem informiert, ohne das irgend etwas in der Richtung passierte. Als L.s Klasse gegen ihre ueber alles verhasste Klassenleiterin revoltierte und die Klassenleiterin in L. die Anfuehrerin sah und sie deshalb von der Schule schmeissen wollte (wie wir spaeter mal aus einer anderen Quelle hoerten), lief es eher so, dass L. und teilweise auch uns die Schuld dafuer in die Schuhe geschoben wurde, uns, weil wir es gewagt hatten, mit der Klassenleiterin ein Gespraech zu suchen, da wir uns ueber unsere voellig unglueckliche Gasttochter Sorgen machten.

Ich habe leider nie gehoert, mit welchen Argumenten Frau K. den Rauswurf verhindert hatte, auf alle Faelle musste L. einen Brief schreiben, in dem sie mehr oder weniger alle Schuld auf sich nahm und von ihren Plaenen berichtete, wie sie der Schule Gutes z.B. durch Leitung eines Deutschklubs und Organisation einer Schulpartnerschaft tun wolle. Uns als GF wurde von AYUSA jegliches Einmischen strengstens untersagt, woran ich mich (leider, muss ich im Nachhinein sagen) hielt.

L. wurde aufs neue Schuljahr vertroestet, und anfaenglich schien ja auch die Beziehung zur Klassenleiterin besser zu werden. Die Querelen ab Februar hatten wir dann mit dem Schuljahresendstress erklaert, den L. nur zu gut von ihren eigenen Eltern kannte. Aber als ich mal mit der Klassenleiterin telefonierte, weil ich ihr, damit sie sich keine Sorgen macht, Details zur geplanten Hospitation an einer Grundschule mitteilen wollte, fuhr mich die Frau so an und machte mich ungelogen 10 min zur Schnecke, dass ich mir schwor, keinen Handschlag mehr fuer sie zu machen.

Weder L. noch ich waren uebermaessig positiv bezueglich Aenderungen zum neuen Schuljahr, wir witzelten noch rum, ob L. nun unter oder ueber 20 Stunden (von 33) Fremdsprachenunterricht haben wuerde. Dann rief mich am ersten Schultag eine heulende L. aus der Schule an, wo sie mir mitteilte, dass sie dieses Jahr inklusive 4 Deutschstunden ganze 21 Stunden haben wuerde. Im Grossteil des 2. Schuljahres hatte sie wenigstens „nur“ 13 Stunden Englischplus 2 Stunden Deutsch. Nichts mit z.B. Gesellschaftskundestunden, wo L. etwas ueber Japan haette lernen koennen., wie L. von unserer Betreuerin versprochen wurde, weswegen sie mit der Klassenleiterin sprechen wollte. Im Gegenteil Geschichte und die eine Stunde Hauswirtschaft wurden auch noch zugunsten von irgendwelchen Englischfaechern gestrichen. Nach einem Monat war L. dann nervlich so fertig, dass jeder Morgen fuer sie eine Tortur wurde, besonders der Donnerstag, wo sie 4 von 6 Stunden mit der Totengoettin, wie die Schueler ihrer Schule die Klassenleiterin nannten, hatte. Mir blieben wenig Moeglichkeiten, ihr irgendwie zu helfen ausser die Traenen zu trocknen und sie ab und zu, wenn es denn gar nicht mehr ging, mal einen Tag krank zu melden, um ihr wenigstens mal einen Tag Atempause zu verschaffen.

Als L. wirklich kurz vorm Nervenzusammenbruch war, hielt ich es doch mal fuer noetig, mal etwas deutlicher als zuvor ein Gespraech mit der Betreuerin zu fuehren und erzaehlte ihr eineindeutig, was in der bestimmten Schule eigentlich vor sich ging. Und das erste Mal schien die Frau mir zuzuhoeren und auch geistig zu verstehen, dass nicht L. oder gar wir das Problem des Ganzen waren. Gemeinsam ueberlegten wir, wie wir L. doch mal eine Auszeit von ihrer Klassenleiterin verschaffen koennten. U.a. organisierte AYUSA ihr eine Woche Austausch an einer Meeresoberschule, wofuer aber L. allen Ernstes einen Bittbrief schreiben musste, in der die Woche dort als Strafe fuer sie dargestellt wurde. Die Klassenleiterin hatte naemlich allen erstes gefordert, dass L. von AYUSA bestraft werde. Wofuer war weder der Betreuerin noch uns klar. Und die Betreuerin war sich auch endlich des Ernstes der Lage klar, immerhin hatte das nur ganze 9 von 10 Monaten gedauert, dass sie sogar ueberlegte, L. ganz aus der Schule rauszunehmen und fuer die letzten 4 Wochen in die Verantwortung von AYUSA zu nehmen. Was zwar letzten Endes nicht passierte, aber dafuer wurde L. eine Woche freigestellt, um ihre Gastoma und -opa noch einmal zu besuchen.

Teil 5

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4 Kommentare zu “Ein Jahr mit AYUSA Japan – Sono Yon

  1. Habt ihr Erfahrungen ob das ein „Ayusa-Problem“ ist oder ein generelles Problem wie in Japan Austauschschüler gesehen werden?

  2. Ein allgemeines Problem? Ja und nein.

    Ja, weil es durchaus die Tendenz gibt, dass Japaner glauben, Japanisch sei die allerschwerste Sprache der Welt und Auslaender koennen sie nicht lernen. Und wenn man viele der Amerikaner oder andere Westler hier anschaut, dann scheint das sogar zu stimmen. Wie kann man hier 15 Jahre leben und immer noch kein Hiragana lesen? *kopfschuettel*

    Nein, denn, entschuldige, dass ich das sage, aber die Klassenleiterin hatte echt einen Knall. Das Schlimmste ist noch, dass sie wahrscheinlich sogar glaubte, sie tue L. damit einen Gefallen, weil ja „Auslaender kein Japanisch lernen koennen und wollen.“ und daher auch nur Englisch in Frage komme. Und die Frau war extrem in Vorurteilen verhaftet (Natuerlich gibt es in allen Laendern ausserhalb Japans First-name-rule, daher spricht man alle mit Familiennamen+san an, nur L. bleibt L.) und als Lehrerin absolut unfaehig, mal von einem anderem Standpunkt zu denken. Und im Einbilden war sie auch toll und hatte ein Gespraech zwischen uns und Oberschuelern ueber Vor- und Nachteile diverser Unis auf dem Kulturfest wohl als „ueber sie laestern“ ausgelegt.

    Ja, weil die Betreuung von ATS in Japan durch AYUSA schlichtweg eine Katastrophe ist. Darueber wollte ich im letzten Teil der AYUSA-Serie noch einmal schreiben. Nur um es mal kurz zu sagen, das Aufnahmeprogramm wird hier als absolut laestiges Anhaengsel betrachtet. Geld bringt eben nur das Wegschicken der Leute ins englischsprachige Ausland.

    Ich habe von keinem der 16 Deutschen gehoert, dass sie zufrieden mit AYUSA Japan waren. Selbst die, die mit Schule und Familie keine Probleme hatten, sprachen davon, dass sie sich von AYUSA extremst angenervt fuehlten.

    Ich wuerde wirklich sehr vom Japanprogramm von AYUSA abraten, weil das immer mehr qualitativ abgebaut wird und im Buero an den ins Land kommenden ATS absolut kein Interesse besteht. Wer doch noch auf die Verlockungen von AYUSA Deutschland reinfaellt, dem bleibt nur beten, dass er oder sie keine Probleme mit Schule oder Familie hat, sonst muss damit gerechnet werden, dass man im Zweifelsfall nicht nur gegen das Problem, sondern auch gegen die Org. kaempfen muss.

  3. Pingback: Ein Jahr mit AYUSA Japan – Sono San | Higanbana's Blog

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