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Konzert in der Kirche

Unsere Haus- und Hofkirche organisiert gerne mal die verschiedensten Aktionen, um auf Probleme in der Gesellschaft aufmerksam zu machen. Fuer den 20. 11. lud sie verschiedene Kuenstler ein, in der Kirche ein Konzert zu halten. Der bekannteste darunter war ein blinder Saenger und Zeichner EMU NAMAE, der es sich als Lebenswerk gesetzt hat zu beweisen, dass der Verlust der Sehkraft nicht bedeutet, dass man auf ein Leben als Masseur oder Moxer beschraenkt ist, sondern selbst Sachen machen kann, die selbst aufgeschlossene sehende Leute nicht gerade von Blinden erwarten wuerden.

Dass Blinde durchaus auch Kunst als Unterrichtsfach haben und mit Hilfe eines dreidimensional malenden Stiftes auch wirklich fuer sie nachvollziehbare Bilder schaffen koennen, hatte ich schon von meinem kleinen blinden Freund gehoert. EMU NAMAEs Bilder aber sind voellig anders: Es sind rein 2-dimensionale Tuschebilder der Art, wie man sie in Kinderbuechern zu sehen erwarten wuerde. Ich war tief beeindruckt und frage, mich welchen Techniken er solche Bilder schaffen kann.

Waehrend EMU NAMAEs Teil des Konzertes erzaehlte er teils ueber sein Leben und seine Reisen, New York sei wohl seine absolute Lieblingsstadt, teils sang er Lieder der Beatles und des von ihm verehrten John Lennon.

Ich konnte es natuerlich nicht einfach sein lassen, daher kontaktierte ich meinen kleinen blinden Freund und fragte ihn, ob er nicht kommen wolle, auch wenn man dafuer einmal quer ueber die Insel fahren muss. Aus der Uebernachtung wurde leider nichts, dafuer kam er wirklich am Sonntag mit der Oma, und ich nahm die beiden mit zur Kirche. Dort machte ich die beiden “Leidensgenossen” miteinander bekannt, und musste dabei lernen, dass nicht jeder Blinde automatisch hoert/weiss/fuehlt, dass da mehr als eine Person vor ihm oder ihr steht. EMU NAMAE wirkte erst voellig irritiert und verstand nicht, wovon ich sprach, bis ich ihm SH.s Hand in die Hand legte. Seine Frau und Betreuerin auf den Konzertreisen und sonstigen Aktivitaeten erzaehlte mir spaeter, dass sein Gehoer nicht das Beste sei und man bewusst lauter als sonst sprechen muesse. Daran gedacht, war ich noch mehr von seinen Liedern beeindruckt, denn sowohl das Singen selber als auch die Aussprache des Englischens war toll. Und letzteres ist absolut keine Selbstverstaendlichkeit hier in diesem Land, wo man Englisch systematisch regelrecht verge.wal.taetigt, indem man es in das nur fuer die japanische Sprache funktionierende Schreibsystem reindrueckt.

Neben der Haupt”attraktion” “Blinder Kuenstler” gaben noch andere Leute Minikonzerte. Ein lokaler Kuenstler spielte drei Stuecke auf dem Keyboard und sang dazu. Ein Grundschullehrer Hidetoshi Nagamatsu hat zusammen mit seiner Frau und einigen anderen eine Gruppe gegruendet, mit der er von Schule zu Schule, von Event zu Event zieht und hauptsaechlich Kinder auf Umweltprobleme oder gesellschaftliche Probleme wie die Benachteiligung von Behinderten aufmerksam machen will. Dafuer haben er und seine Frau Lieder geschrieben, die leicht zu merken sind und Zuhoerern ermoeglichen, schnell mitzumachen. Vom Stil und Inhalt her haben mir die Lehrer sehr an die von Reinhard Mey erinnert.

Mich persoenlich hatte am meisten die einzige Frau unter den 4 Kuenstlern beeindruckt. Sie hat irgendeine Behinderung im sprachlichen Bereich, so dass es wirklich schwer war, ihr zuzuhoeren. Aber dann sang sie, und die tiefe, klare Stimme der alten Dame hat mich zutiefst bewegt. Durch den Gesang hat sie geschafft, an ihrer Behinderung zu arbeiten und zu einem Grossteil zu ueberwinden.

Mein kleiner blinder Freund hatte mir vom Zug nach Hause eine lange Dankesmail geschickt, die er auch an seine Oma weiterleitete. Nicht nur war der Ausflug hierher  und das Konzert an sich ein tolles Erlebnis. Das Treffen mit EMU NAMAE hatte wohl einen grossen Eindruck auf ihn gemacht und ihn seinem Beschluss gestaerkt, doch zu versuchen, den Weg zu gehen, den er gehen moechte und nicht den, den die Gesellschaft, allen voran seine Schule fuer ihn vorgesehen hat. Ich hoffe und wuensche mir fuer ihn, dass er weiterhin dabei bleibt zu kaempfen und die Oberschule anstrebt, die die Lehrinhalte bietet, die ihn interessieren. Im April 2012 kommt er in die letzte Klasse der Mittelschule, und das heisst, dass die Bewerbungen und das bewusste Lernen fuer die Aufnahmepruefungen losgehen.

Das Recht, Leute seiner Wahl zu treffen

Bis Freitag dachte ich immer, dass das ein absolut natuerliches Recht eines jeden Menschens sei. Aber am Freitag musste ich lernen, dass ich mein ganzes Leben lang, all die Jahre bis jetzt, einem grossen Irrtum aufgesessen bin.

Aber von Vorn: Am Freitag kam mein blindes Schuelerle zu mir und bat mich um Hilfe bei einem Uebersetzungprojekt. Ja, warum nicht? Worum geht’s? Und dann wurde ich aufgeklaert, dass Sh. und die anderen 3 Schueler der Mittelschule genau eine Woche Zeit haben, um eine 18-seitige Geschichte (in Normalschrift vielleicht 6-8 Seiten) ins Englische zu uebersetzen. Aber mal hallo! Welche deutschen oder daenischen Schueler muessen nach gerade einmal 4 Monaten maessig guten bis schlechten Unterricht so viel in so kurzer Zeit uebersetzen?

Da das auch ein Umfang und ein Thema war, dass ich auch nicht in 10 min einfach so aus dem Aermel schuettele, entschloss ich mich, dem Jungen vorzuschlagen, nur die wichtigsten Punkte der Geschichte und die Intention des Autors zu analysieren und diese 10 bis 12 Saetze dann mit seinen Freunden zusammen ins Englische zu uebertragen. Ich half also dem Jungen, Schritt fuer Schritt durch die Geschichte zu gehen und die wichtigsten Aspekte rauszusuchen.

Nebenbei fragte ich auch einmal den Jungen, warum er sich nicht am Wochenende mit seinen Freunden zusammensetze und an dem Projekt arbeite. Zumindest zu Hochschulzeiten, wo wir jede Woche ein Projekt abzuliefern hatten, war das das Normale. Und dann erzaehlte er mir zu meinem Schock, dass er das nicht duerfe.

Anscheinend gibt es fuer japanische Blindenschulbesucher, nicht nur hier, sondern auch an vielen anderen Orten, eine Regel, dass sie sich nicht am Wochenende treffen duerfen. Gegen Treffen mit sehenden Schuelern werde nichts gesagt, aber lerne sie mal kennen, wo japanische Schueler selbst einen grossen Teil ihrer Freizeit auch in ihrer Schule verbringen.

In der Grundschule hat Sh. einmal die Regel gebrochen, und irgendwie hat die Schule davon Wind bekommen, so dass der Kleine extremst ausgeschimpft und ihm sogar angedroht wurde, er wuerde von der Schule geworfen werden, wenn er nicht noch im Pflichtschulbereich (1.-9. Klasse) waere. Fuer irgendwelche Sachen, die passieren koennten, hafte (angeblich) die Schule, und um irgendwelche Verantwortung in diesem Bereich zu umgehen, werden nicht nur Spaziergaenge zweier blinder Freunde, sondern auch Besuche zuhause konsequent mit ausgeschlossen. Daher kann man natuerlich auch die Projektarbeit nicht am Wochenende weiter machen. Und in den Ferien, besonders in den 6 Wochen Sommerferien ist man natuerlich auch voellig voneinander getrennt.

Es kommt noch schlimmer: Sollten trotzdem aus irgendwelchen Motiven heraus Besuche von den Familien gewuenscht werden, dann muss man nicht nur die Erlaubnis der Schule, sondern in den allermeisten Faellen auch die Erlaubnis der Stadtverwaltung haben, damit sich 2 blinde Freunde sehen koennen. Zwei seiner Freunde koennen am Wochenende nicht bei ihren Familien wohnen, um dorthin zu gehen, reiche nicht die Erlaubnis der Institution, sondern die Stadt muss ihr O.k. dazu geben. Der andere Siebentklaesser wohnt bei seinen Eltern uebers Wochenende, aber auch er darf nicht frueher nach Oita kommen, damit z.B. die Jungen zu einem Volksfest gehen, weil die Stadtverwaltung der Kleinstadt in dem Punkt ziemlich URUSAI (vorlaut) sei und dem nicht zustimmen wuerde. Von dem extremen Sorgensyndrom der Eltern mal ganz abgesehen…

Aber hallo! Nicht nur, dass die Praefektur Kinder aus der Gemeinschaft anderer ausschliesst und sie 12 Jahre in die Blindenschule einsperrt, nein sie schafft ein virtuelles Gefaengnis und bestraft Kinder dafuer, dass sie nicht normal geboren sind. Wie meine Chefin sagte: Das geht doch gegen die Menschenrechte, was sie hier mit den Kindern treiben. Und er solle einfach diese absolut idiotische Regel brechen, von der Schule geschmissen zu werden waere das Beste, was ihm passieren koenne. Sie erwaehnte sogar, dass man dagegen klagen solle. Aber leider sind dazu viele Japaner einfach noch nicht mutig genug. Und Sh.s Vater ist ja selber gegen den Besuch einer normalen Oberschule, weil das MENDOUKUSAI (nervig und zu aufwendig) sei. Dann kann man mal ausrechnen, wie gross dann seine Bereitschaft ist, fuer SEIN Kind vor Gericht zu ziehen.

Uebrigens hat mir mein blinder Schueler erzaehlt, dass in seinem Lesebuch eine Geschichte zweier blinder Freunde drinnen ist, die in Okinawa zusammen in die Stadt gegangen sind und eben Leute gefragt haben, wenn sie nicht mehr wussten, wo sie hinmussten. Und es wird am Ende gesagt, wie sehr diese Erfahrung sie weiter in Richtung selbstaendiges Leben gebracht habe. Die Reaktion seiner Lehrer auf die Geschichte war wohl, dass sie sich richtig stark darueber aufgeregt haben, dass das Ministerium erlaubt habe, so eine realitaetsferne Geschichte mit aufzunehmen. Und damit stehe wohl die Schule hier nicht alleine da, der gleiche Protest sei wohl auch von vielen anderen Blindenschulen gekommen.

Okagura

Eine Freundin von mir hatte vor Jahren angefangen, mich zu fragen, ob wir nicht beide zu O-kagura gehen wollen. Fuer mich mit einem grossen Interesse an traditionellen Kuensten war das natuerlich das Erlebnis schlechthin, auch wenn ich einige Jahre wegen Geburt und anderer Sachen nicht immer mit hinfahren konnte.

Alleine fahren ist langweilig, und weil ich wusste, dass ein gewisser Mittelschueler auch mit grosser Wahrscheinlichkeit nichts zu tun hat, lud ich Sh. auch ein, was er auch dankbar annahm. Diesmal fuhren meine Freundin und ich aber getrennt hin, weil sie am voellig anderen Ende der Stadt wohnt und es effektiver war, sich dort zu treffen.

Die Fahrt bis Kiyokawa im tiefsten, aber wunderschoenen Hinterland von Oita verlief erfreulich und problemlos. Dort angekommen war ich aber doch etwas unsicher, auf welchem Berg sich der Schrein jetzt doch befindet und entschloss mich, doch mal jemanden zu fragen, bevor ich mich voellig verfahre. Als ich ein vielleicht 70~80-jaehriges Muetterchen am Weg sitzen sass, hielt ich doch mal an und fragte. Und zu meinem grossen Erstauen zeigte sie keinerlei Zeichen von Scheu, die man Japanern so gerne mal nachsagt. “Ja, da musst du so und so und so fahren. Und uebrigens, kann du mich mitnehmen? Ich will da auch hin. Den Stuhl kann man uebrigens zusammenklappen. ” Ich war ja baff, aber sagte zu. Waehrend ich den Beifahrersitz leerraeumte, machte sie ihrer Stuhl fertig und packte ihn auch selbstaendig in den Kofferraum. Ich wusste wirklich kaum noch, was ich sagen sollte, so beeindruckt war ich von der gebrechlich aussehenden, aber doch noch ziemlich ruestigen japanischen Lady.

Angekommen stieg die alte Dame aus und schnappte ihren Schiebestuhl und lief den Berg hoch. Da die Taenze schon angefangen hatten, ich aber noch mit dem Gepaeck und den Kindern zu tun hatte, fragte ich sie, ob sie Sh. mitnehmen koenne, was sie aber mit einer kurzen entschuldigenden Handbewegung ablehnte. Weil ich keine anderen Moeglichkeiten hatte, brachte ich Sh. bis zum Anfang der wirklich geraden Strasse und sagte ihm, er solle seinen Stock benutzen und immer geradeaus in Richtung Musik laufen.

Zurueck zum Auto weckte ich die Kinder, schnappte mir Soehnle und das Gepaeck und ging auch den Weg hoch. Und zu meiner grossen Ueberraschung sah ich dann, dass die Oma Sh. ihren Stuhl geliehen hatte und er von dort intensiv zuhoerte. Wie freute ich mich fuer ihn! So viele Sorgen die Oma auch hatte, so nahm sie ihn dann doch unter ihre Fittiche. Und auch keiner der anderen schien wirklich besorgt zu sein und zeigte Probleme mit Sh.s Blindheit. Was fuer ein Unterschied zur Stadt!

Als der erste Teil vorueber war, finden die Kinder an zu quengeln, dass sie Hunger haetten. Sh. wollte aber noch beten, also stand ich vor dem Problem, was ich jetzt mache. Ich fragte also in meiner Verlegenheit einen der Teilnehmer, der mich an einen juengeren verwies. Und dieser erklaerte sich dann auch ohne Probleme und sichtliche Sorgen bereit, den Jungen dann zu unserem Platz zu bringen.

Meine Freundin hatte sich ziemlich verspaetet, daher waren wir immer noch zu viert, als Okagura anfing. Und puenktlich kam auch ein “Ich muss mal…” von Toechterchen. Ehm, ja, aber was mache ich mit dem Kleinen? Kein Problem, auch wenn Sh. jetzt nicht so viel machen konnte, so bewirkte die Anwesenheit von Sh., dass Soehnle sich sicher fuehlte und ohne zu weinen auf die Rueckkehr von Mama und grosser Schwester wartete.

Waehrend Okagura, bei dem taenzerisch diverse Legenden aus der Fruehgeschichte Japans dargestellt werden, kommt auch ein zugegebenerweise ziemlich gruselig aussehender Gott, der aber auch Glueck bringt und fuer Gesundheit und Glueck bei den Kindern sorgt, die er auf den Arm nimmt. Soehnle hat es in seiner ruhigen Art gefasst ertragen, er weinte zu etwas, aber beruhigte sich sofort wieder. Toechterchen dagegen war voellig in Panik und weinte  immer noch auf meinem Arm und spaeter, wenn sie den Gott nur von Weitem sah. Erst als sie mit den oertlichen grossen Jungs (Kl. 1-3) loszog und sah, wie sie vor dem Gott keine Angst zeigten und ihn zu necken versuchten, schien sie endlich den Spass des Ganzen zu verstehen und spielte mit. Ueberhaupt zeigte sich Toechterle die ganze Zeit so gut wie nie, so dass ich doch ein und zwei Mal loszog zu schauen, wo mein Kind denn jetzt wohl sei. Aber jedes Mal spielte sie ausgiebigst mit den Kindern vor dem Schrein, und ab und zu konnte ich sie in der Ferne auch dabei beobachten.

Obwohl das Wetter die ganze Zeit wie Regen aussah, hatten wir Glueck und es blieb trocken, so dass wir Okagura bis zum Schluss anschauen konnten. Nach dem Ende verabschiedete sich meine Freundin, der es nicht so gut ging, und wir vier dachten darueber nach, ob wir nicht zwischendurch noch etwas essen sollten. Toechterle gefragt kam ein “Ich will Garnele und Ei und Mais essen.” Sh. *lachend*:”Das klingt wie Sushi.” Aber warum eigentlich nicht? Ueber diese Wahl nachgedacht fand ich sie auch nicht schlecht. Also zum Sushiladen. Ich fragte Sh., wie er denn das beim Sushiladen normalerweise macht, da ja bei den meisten Laeden die Bestellung ueber Bildschirme erfolgt. Oder die Teller so vom Band genommen werden muessen. Und da erzaehlte er mir, dass er bis jetzt in den fast 13 Jahren erst einmal Sushi essen gegangen war. (O_O)

Ich hatte ehrlich gesagt auch etwas Bedenken, mit den beiden Kindern und einem blinden Jungen an einem Feiertag zu einem der populaersten Sushiketten zu gehen, die es hier in der Stadt gibt. Aber wir hatten sofort einen Platz, die Kinder waren anscheinend so hungrig, dass sie kaum Theater machten, bis sie satt waren. Und fuer Sh. bestellte ich das Sushi, von dem ich mir dachte, er koenne die Geschmack oder die Konsistenz interessant finden bzw. natuerlich auch seine direkten Bestellungen. Bis kurz vor Ende, wo die Muedigkeit und Aufgekratzheit der Kinder groesser als ihr Hunger wurde, war es wirklich besser und angenehmer, als ich gedacht hatte. Ein schoenes Ende fuer einen schoenen Tag.