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ATS-los

Erst so schwaermen, und am naechsten Tag ist sie schon weg? Nee, ganz so ist es nicht, ab heute hat J. ihre dreitaegige Schulung fuer die Schulanfaenger in einem Hotel im Norden der Praefektur. Und sie wird spaetestens ab heute abends schmerzlich vermisst werden.

Gestern abend hatte sie sich noch hingesetzt und nicht nur Sachen gepackt, sondern auch noch ihre Namensschilder auf alle ihre Sporthemden aufgenaeht. Ich haette ihr ja gerne geholfen, aber genau an dem Abend war Goettergatte natuerlich auf Nachschicht. So blieb da leider nur noch etwas Zeit fuer mal Wasser oder Obst fuer Zwischendurch zu reichen und so weit wie moeglich die Kinder von ihr fernzuhalten. Und dafuer bin ich dann doch mit ihr mitten in der Nacht aufgestanden und habe ihr ein Bento gemacht, dass ihr hoffentlich richtig gut schmecken wird.

Schulbesuch und fremde Schuhe

Mit GG’s Hilfe weckte ich die Kinder eine Stunde frueher als sonst und bekam sie ueberredet, doch zu fruehstuecken und sich anziehen zu lassen, ohne groessere Protestaktionen hinzulegen. An die Parkplatzschwierigkeiten und den morgentlichen Stau gedacht, ueberlegte ich mir doch, dass ich mal “Schul”busfahren ausprobieren werde. Die Kinder also in Windeseile im Kindergarten abgeliefert, zurueck nach Hause, Auto geparkt und in Windeseile zur Bushaltestelle gerannt.

Ich hatte Glueck, und es kam sofort ein Bus, der aber schon dort um 7 min verspaetet war. Mein geplanter Bus um 8 Uhr sollte 8.42 Uhr am Terminal ankommen, wovon es laut Schulhomepage 7 min zu laufen seien. Und mit den zusaetzlichen knapp 10 min frueher des bestiegenen Busses muesste ich mehr als genug Puffer, um ruhig und ohne zu hetzen zur Schule zu kommen.

Ja, Pustekuchen. Der Standardstau am Morgen und Nachmittag/Abend ist ja schon so heftig, dass man fuer die eigentlich 20 min in ruhigen Zeiten (7 km) schon 42-45 min reinrechnet. Und genau an dem Tag wurde es noch schlimmer, dass ich ungelogen die ersten 3 km schneller gegangen waere. Ich hatte genau noch 7 min, als ich endlich aus dem Bus aussteigen konnte. Im wahrsten Sinne die Beine in die Hand genommen lief ich zur Schule, nur um dann leider festzustellen, dass das Tor geschlossen war und gemaess Murphy’s Gesetz sich der offene Haupteingang genau auf der anderen Seite des relativ grossen Schulgelaendes befindet. Aber naja, Jogging am Morgen soll ja gut fuer die Gesundheit sein… .

Frau N. wartete schon am Schultor auf mich, ich hatte ihr eine SMS aufs Handy geschickt, dass ich im Bus war und mich auf dem Weg zur Schule befinde. Wir wurden vom stellvertretenden Direktor und dem Koordinator des Englischzweiges begruesst und ins Gaestezimmer gefuehrt. Ersterer erzaehlte mir auch gleich, dass er im selben Stadtviertel wohne wie wir, so dass wir erst einmal die Gegenden beschrieben, wo sich die Haeuser befinden wuerden. Daraufhin verliess er uns und ueberliess seinem Kollegen die Absprache der Details.

J. wird wie erwartet in den Englischkurs kommen, allerdings hat dieser weit weniger Englischfaecher als der von L. Ausserdem soll sie an allen Faechern standardmaessig teilnehmen, so dass die Fremdsprachenfaecher auch kein Problem sein sollten. Wegen ihres Alters wird sie einer 1. Klasse (10. in Deutschland) zugeteilt, aber die Schule ermoeglicht ihr wohl trotzdem, dass sie an der Studienfahrt der 2. Klasse nach Kyoto und Tokyo teilnehmen darf. Wir fragten dann auch noch, wie das mit der Schuluniform und anderem sei, aber bei vielem wusste der Koordinator es noch nicht und versprach, mal nachzufragen, wie es damit steht. Und bei den Uniformen sollten wir im April mal sehen, ob wir passende Teile unter den Restbestaenden finden koennen und muessten den Rest dann selber kaufen.

Die meisten Fragen waren beantwortet, als das Klingelzeichen kam, so dass Frau N. und ich auch beschlossen, uns zu entschuldigen und zu gehen. Insgesamt macht die Schule und der Koordinator einen serioesen Eindruck, und ich war auch beeindruckt und erleichtert zu sehen, wie Frau N. mit der Schule umging und sie ueber Pflichten und Wuensche aufklaerte. Ein gewaltiges Gegenstueck zu Frau K. von AYUSA, die zu Allem nur Amen sagte. Die Schule hatte wohl auch schon ein oder zwei ATS ueber einen laengeren Zeitraum, aber eine Deutsche wird das erste Mal an diese Schule gehen.

Nach dem Besuch begleitete ich Frau N. zum Busterminal, wo ich auch wegen J.s Monatskarte mal fragen wuerde. Die Busfahrkarte hat anscheinend hier in der Stadt einen besseren Rabatt als in Oita (15 Tage*2*Einzelkarte und nicht ueber 20 Tage wie vorher). Aber trotzdem finde ich, dass 85 Euro im Monat unglaublich viel ist fuer so eine relativ kurze Strecke. Und dann noch darf man auch nicht einmal alle moeglichen Busse benutzen, weil hier Verkehrsverbuende unbekannt sind. Fuer 100 bis 130 Euro bekommt man schon richtig gute Fahrraeder, und 30 min Fahrtzeit ist immer noch weit kuerzer als 60 min vor Tuer zu Tuer. Mal sehen, was J. dann machen wird.

Ich entschied mich aber, die einmalige Gelegenheit zu benutzen, um wieder einmal Doener essen zu gehen. Und dann sah ich in der Einkaufsstrasse Kinderstiefel und erinnerte mich daran, wie sehr Toechterle ihr Bruederchen darum beneidet hatte.

Zuhause angekommen entschloss ich mich, die schwarzen Stiefel ohne jeglichen Kommentar einfach hinzustellen und mal Toechterchens Reaktion abzuwarten. Sie sah sie auch relativ schnell, auch wenn ihr Kommentar alles andere war, als ich erwartet haette: “Ist ONEECHAN (grosses Schwesterchen) schon da? Wo? Wo?” Auch wenn ich ihr sagte, dass niemand gekommen sei und es noch dauerte, musste sie alle Zimmer, einschliesslich Toilette und unser Schlafzimmer ueberpruefen, ob sich ONEECHAN nicht dort versteckt haben koennte. Nachdem sie die Runde gemacht hatte, kam sie ganz enttaeuscht zu mir zurueck. “Wo ist sie denn nun?”
Mama: “Ehm, das dauert noch, mein Schatz. Erst fahren wir zur japanischen Oma, dann kommen deine deutschen Grosseltern. Und wenn sie wieder weg sind, dann kommt J.”
Toechterle: “Ja wessen Stiefel sind das denn nun?”
Mama: “Deine neuen”

Worauf Toechterle erst ein bisschen darueber nachdenken und sichtlich ihre Gedanken sortieren musste und dann ihrer Mama freudestrahlend um den Hals fiel. Die Schuhe mussten dann natuerlich auch gleich am Folgetag angezogen werden, und ein superstolzes kleines Maedchen musste jedem unbedingt von den neuen tollen schwarzen Stiefeln erzaehlen, … die am Abend des gleichen Tages aussahen, als ob sie schon wochenlang getragen worden sind. *wein*

 

 

Familienbesuch

Eigentlich ist es ja auch in Japan so, dass man erst Familienbesuche macht und dann ueber die Eignung entscheidet. Aber durch die oft grosse Entfernung zum Buero der Organisation und/oder Wohnort der Betreuer, scheint es hier durchaus oefters mal zu passieren, dass man dies mit dem Pflichtschulbesuch zusammen verbindet.

Schule und Schueler standen fest, die Verantwortlichen an der Schule hatten sich ueber einen Besuchstermin geeinigt, also kam die Anfrage, ob Frau N. von WYS nicht am 18.1. zum Familienbesuch kommen koenne. Es war genau ein freier Tag meines Mannes, warum also nicht. Frau N. kam gegen 17 Uhr auf dem Flughafen an und hatte sie fuer 18-18.30 Uhr zum Besuch angekuendigt.

Da dass jetzt genau unsere Abendessenzeit ist und wir eher damit rechneten, dass sie eher keine Zeit hatte, davor zu essen, deckten wir zu ihrer grossen Ueberraschung den Tisch fuer 5 ein. Ich fand es sehr erfrischend, dass sie sich zwar mit “SUMIMASEN” bedankte, aber diese manchmal auch sehr nervigen, sehr oft nicht einmal ernstgemeinten “Das muss doch … .”, “Das brauchen Sie doch nicht zu machen.” wegliess.

Die Kinder waren aus irgendeinem Grund voellig angetan von Frau N., und Soehnle, der sonst immer erst ein wenig die Situation begutachtet, bevor er sich ins Getuemmel stuerzt, setzte sich sofort und wie selbstverstaendlich auf ihren Schoss und redete auf sie ein. (O_O) Und auch die Grosse musste ihr alles Moegliche erzaehlen und zeigen und konnte gar nicht genug bekommen.

Wir sprachen erst auch ueber die Schule von L., Gastkind Nr. 2, wo WYS ja 2010 fuer ein halbes Jahr eine Deutsche platziert hatte. Ich hatte zwar Frau N. schon so einiges mal erzaehlt, aber als sie jetzt ein besseres Bild davon bekam, war auch sie sichtlich schockiert und ueberrascht. Sowohl von der Problemlehrerin als auch von der Haltung von AYUSA.

Als sie soweit satt war, kam sie zum Geschaeftlichen, sprich den Pflichten und Regeln. Die Aufnahmebedingungen im Allgemeinen unterscheiden sich ja nicht sehr, aber es gibt doch kleine, aber feine Unterschiede zwischen den einzelnen japanischen Orgs. Eine ist zum Beispiel, dass WYS als einzige mir bekannte Organisation ein “Reiseverbot” in ihren Regeln aufgefuehrt hat. Da ich mir durchaus vorstellen kann, dass J. doch mal von Freunden von mir eingeladen wird oder mal Ausfluege ohne uns machen will, wollte ich schon gerne wissen, ob das denn auch verboten sei. Es zeigte sich jedoch, dass das Verbot weniger streng als gedacht/befuerchtet ist und dass es sich auf Uebernachtungen in Hotels ohne erwachsene Aufsichtsperson bezieht, was ich voellig nachvollziehen und verstehen kann. (Wenn ich daran denke, dass AYUSA selbst minderjaehrige ATS ohne Aufsicht in ein Hotel gesteckt hat… *vor Grauen schuettel*) Und es gibt der GF auch die Moeglichkeit, ueber eine Reise oder Einspruch dagegen aktiv zu entscheiden, da Reisen kein allgemeines Recht von ATS, sondern eine einmalige Ausnahmeregelung darstellt.

Desweiteren erzaehlte ich ihr von dem katastrophalen HOMESTAY von vor knapp 3 Jahren, als Gastkind Nr.4 Klub, Telefon und Computer als ihre natuerlichen Rechte auffasste und jegliche Verletzung und/oder Limitierung  davon sofort als illegale Beschneidung davon auffasste und YFU Japan sogar dahinter stand und als ”normal” betrachtete. Auch diesbezueglich sind die Regeln von WYS so, dass sie den Familienaufenthalt neben der Schule natuerlich als Hauptbestandteil ansehen. Und nur wenn sich damit eine Klubteilnahme, ein Telefonbesitz und/oder die Benutzung selbst des EIGENEN Computers verbinden laesst,  dann wird diesen 3 Dingen auch zugestimmt. Fuer ATS mag das nervig sein und ihnen zu streng vorkommen, aber wenn das hilft, solche verletztenden und lange schmerzenden Erlebnisse vorzubeugen, dann finde ich, dass es so richtig ist und nicht anders geht.

Es ging langsam auf 9 Uhr zu, und da fuer den Folgetag 9 Uhr morgens ein Schulbesuch angesetzt war, riss sie sich doch los und machte sich auf den Weg ins Hotel. Bei der Verabschiedung sagte sie, dass sie die Zeit mit uns echt genossen hatte und gerne wieder einmal vorbeikommen … Da brach sie mitten im Satz ab, weil sie bemerkte, dass es eigentlich Quatsch war, so einen Wunsch zu aeussern. Wir erwarten ein Gastkind fuer 10 Monate von ihrer Organisation, und natuerlich muss sie in dem Jahr auf alle Faelle wieder vorbeikommen. Aber ich verstand schon, was sie meinte, und sagte ihr, dass sie auch gerne ohne Gastkind das machen koenne, wenn es sie wieder hier in die Gegend verschlaegt.

Uebrigens gibt es neben der Tatsache, dass WYS noch viel serioeser als AYUSA ist/wirkt, noch einen grossen Unterschied. Ich hatte nur ungern daran gedacht, wie es sein wird, wenn man wieder aus ca. 1200 km  Entfernung (Tokyo) zentral betreut wird und dass ja wieder bei akuten Sachen nicht wirklich schnell gehandelt werden kann. Aber im Gegensatz zu AYUSA hat WYS auch freiwillige Mitarbeiter vor Ort, die bei kleineren bis mittleren Sachen als Ansprechpartner zur Verfuegung stehen. Allerdings erfolgen wichtige Entscheidungen vom Buero aus, und sollte der am naechsten wohnende Mitarbeiter nicht mehr weiterwissen, so wird die Konfliktschlichtung von Vollzeitmitarbeitern aus dem Buero gemacht. Das System von WYS aehnelt also mehr dem Betreuungssystem von YFU Deutschland als denn dem von AFS Japan oder dem in den USA ueblichen System, wo Betreuer ja relativ autonom sind.